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FBW-Bewertung: Nahschuss (2019)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die DDR Anfang der 1970er Jahre: Der vielversprechende junge Ökonom Franz Walter hat seine Promotion abgeschlossen und träumt von einer Karriere an der Hochschule oder im Außenhandel. Da erhält er ein äußerst attraktives Angebot: Er solle seiner Professorin auf deren Lehrstuhl nachfolgen ? bis es soweit sei, solle er den Auslandsnachrichtendienst bei der Vorbereitung auf die 1974 in der BRD stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft unterstützen. Der ambitionierte Forscher und Fußballfan willigt ein und verpflichtet sich zu uneingeschränkter Systemtreue. Hals über Kopf heiratet er seine Freundin Corina, und das Paar bezieht eine schicke Wohnung in einer privilegierten Siedlung. Der private Umgang beschränkt sich fast ausschließlich auf Kolleg*innen aus der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), und die berufliche Karriere verläuft verheißungsvoll. Franz kann sich als Analyst auszeichnen und wird bald zusammen mit seinem Kollegen Dirk zu Auslandseinsätzen in die BRD geschickt. Hier gilt es, im Umfeld eines geflüchteten DDR-Fußballers Agenten zu aktivieren. Dazu muss Franz erpresserische Methoden anwenden, die ihm nicht behagen. Aber er darf sich niemandem anvertrauen und zieht sich in die innere Isolation zurück. Selbst gegenüber Corina hält er sich an das strikte Redeverbot. Dabei gerät er unter wachsenden Druck, die immer perfideren Vorgaben seines Arbeitgebers zu erfüllen. Verzweifelt sucht Franz nach einem Ausweg, doch die HVA will ihn nicht gehen lassen, denn er weiß zu viel von den schändlichen Manövern, oppositionelle oder missliebige Kräfte zielgerichtet zu zerstören.

NAHSCHUSS ist inspiriert von der Geschichte des Dr. Werner Teske, der 1981 zum Opfer der letzten in der DDR vollstreckten Todesstrafe wurde. Regisseurin Franziska Stünkel, die sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat damit ein packendes psychologisches Drama geschaffen, das schonungslos die schwärzesten Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit enthüllt. Dabei gliedert der Film sich grob in zwei Teile: In der ersten Hälfte wird eine eher traditionelle Agentengeschichte erzählt. Allerdings gibt es hier keine Spur von Glamour und Action, sondern das Milieu ist ausgesprochen kleinbürgerlich. Mit in Sepia gefärbten Bildern und einer detailgenauen Ausstattung werden sehr stimmig die Verhältnisse der DDR in den 1970er Jahren rekonstruiert, in denen ein karriereorientierter junger Mann einen verhängnisvollen Handel eingeht. Franz Walter weiß, dass er dem Staat für dessen Offerte eine Gegenleistung schuldig ist. Das sind die Kompromisse, die das System verlangt, und damit sind zugleich Vorteile und Privilegien verbunden, von denen andere DDR-Bürger*innen nur träumen können. So lässt sich die HVA-Episode aus seiner Sicht gut an. Er kann sich durch differenzierte Analysen hervortun, kommt gut mit seinem Kollegen Dirk klar, der ihn in das Vorgehen bei Westeinsätzen einweist, inklusive Spesenbetrug, wodurch er Corina attraktive Geschenke machen kann. Das Verhältnis der drei Hauptfiguren Franz (Lars Eidinger), Dirk (Devid Striesow) und Corina (Luise Heyer) ist mit großem dramaturgischen Bedacht gestaltet und wird von den Schauspieler*innen hervorragend umgesetzt. Alle anderen Personen, einschließlich der Eltern, sind absolute Randfiguren, die wohl ahnen, aber nicht sehen wollen, was vorgeht. Die ?Firma? bleibt unter sich. Doch Franz wird sich noch weiter isolieren. Je perfider die Methoden sind, die bei seiner Agententätigkeit von ihm verlangt werden, desto mehr wird das neue Leben für ihn zum Gefängnis. Aber lange Zeit will er nicht wahrhaben, dass der Staat seinen Teil des Deals nicht einhalten wird und ganz andere Karrierepläne für ihn hegt. Dem Staat geht es nicht um die Zukunft eines einzelnen Individuums, sondern einzig und allein darum, durch ein ausgeklügeltes System von Repression und Misstrauen den Selbsterhalt der DDR zu garantieren.

Dabei nimmt der Film in der zweiten Hälfte eine bemerkenswerte Wendung: Je mehr Franz an dem System zweifelt und sich darin verliert, desto stärker verlagert sich der Fokus auf ihn. Erzählung, Regie und die hervorragende Kamera von Nikolai von Graevenitz gehen noch dichter an die Figur heran und kehren ihr Innerstes nach außen. Die anderen Personen geraten aus dem Blickfeld; es geht ausschließlich um Franz und seine inneren Konflikte: Lars Eidinger verkörpert dessen Verzweiflung, Einsamkeit und Selbstzweifel an seinem Umfeld und an allem, woran er bisher geglaubt hatte, in einer darstellerischen Tour de Force mit größter Bravour und zieht die Zuschauenden in seinen Bann. Damit bringt er uns eine Figur nahe, die Täter und Opfer zugleich ist, und für die man sonst nicht allzu viel Sympathie aufgebracht hätte. Ein großes Kompliment gilt aber vor allem der Autorin und Regisseurin Franziska Stünkel, die mit großem Mut und bewundernswerter Konsequenz alle erzählerischen Konventionen und Sicherheiten hinter sich lässt, um bis zum erschreckenden Schluss den Blick freizulegen auf ein politisches System, das zum Selbsterhalt vor nichts zurückschreckt und auch seine eigenen Kinder frisst. NAHSCHUSS ist ein Film, der einen packt und lange nicht mehr loslässt.



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