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Brothers
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© Filmdisposition Wessel

Kritik: Brothers (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für seinen Debütfilm hat sich Ömür Atay eines schwierigen Themas angenommen. Unter der Geschichte zweier Brüder verbirgt sich ein viel weitreichenderes Problem, das an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Es hängt mit dem Verbrechen der 17-jährigen Hauptfigur Yusuf (Ege Yazar) zusammen, ist gesamtgesellschaftlich akut und doch tabuisiert. Dementsprechend wählt Atay, der auch das Drehbuch geschrieben hat, das Schweigen als Operationsmodus seiner ungleichen Protagonisten.

Atay, bislang als Fernsehregisseur tätig, entführt sein Publikum mit sicherer Hand und einem feinen Auge für wohlkadrierte Einstellungen mit durchdachten Farbkompositionen in eine Männerwelt. Frauen kommen darin nur am Rande vor – als heilige Mütter oder verteufelte Huren. Bricht eine emanzipierte Frau wie Yasemin (Gözde Mutluer) in diese Welt ein, sind die Männer im Umgang mit ihr überfordert und bemühen überkommene Klischees.

Atay erzählt diese Geschichte mit langem Atem und mitunter aus sicherer Distanz. Oft verharrt die Kamera erst einmal in großem Abstand, bevor sie sich vorsichtig an die Figuren herantastet. Bis zum alles entscheidenden Konflikt passiert lange Zeit kaum etwas. Gerade in dieser Ruhe, in Atays gelassenem Tempo, das den zwei Brüdern bei ihrem Alltag zusieht und auf das sich das Publikum einlassen muss, liegt die große Stärke.

"Brothers" ist ein leises Drama über einen jungen Mann, der keinen Platz in einer Männergesellschaft hat. Nachwuchsdarsteller Ege Yazar liefert eine vielversprechende Darbietung ab. Aber auch auf Caner Sahin als Yusufs Bruder Ramazan und auf Gözde Mutluer als verwirrende Fremde kann sich Atay verlassen. Wie der Film selbst erzählt auch das Schauspieltrio viel zwischen den Zeilen, mit Blicken und Gesten, die in ein konsequentes Ende münden.

Fazit: "Brothers" ist ein leises Drama über einen jungen Mann ohne Platz in der Gesellschaft. Stilvoll inszeniert, ruhig erzählt und überzeugend gespielt, packt Regisseur und Drehbuchautor Ömür Atay ein Tabuthema an.




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