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Der marktgerechte Mensch
Der marktgerechte Mensch
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Der marktgerechte Mensch (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Dokumentarfilmer Leslie Franke und Herdolor Lorenz setzen sich kritisch mit den Folgen einer deregulierten Arbeitswelt auseinander. Der Kapitalismus, der auf puren Wettbewerb und maximales Gewinnstreben setzt, zwingt den Beschäftigten immer mehr Leistung ab. Zugleich sollen sie so wenig Kosten wie möglich verursachen. Die Folge ist der ungebrochene Trend zur Selbstoptimierung: Wer Erfolg haben will, so lautet der moderne Glaube, muss ständig besser werden. Fitnessstudios boomen, aber von der Gefahr, an Stress und Erschöpfung zu erkranken, redet lieber keiner.

Bereits 2018 prangerten Leslie Franke und Herdolor Lorenz in ihrem aufrüttelnden Dokumentarfilm "Der marktgerechte Patient" die kapitalistischen Auswüchse in einem Sektor an, auf den wohl jeder Mensch in seinem Leben angewiesen ist, nämlich dem Gesundheitswesen. Wenn Kliniken zu ständiger Sparsamkeit gezwungen werden, an Fallpauschalen gebunden sind und auch noch einen Gewinn erwirtschaften sollen, sind Personalmangel und therapeutische Abstriche die Folge. Wenn sich die Filmemacher jetzt den Kapitalismus in der Arbeitswelt vornehmen, so ist das ein ungleich weiteres Feld. Der Film wirkt daher weniger gut strukturiert in seinem Bestreben, möglichst viele Aspekte abzudecken. Dabei gibt es sehr eindrückliche Passagen, etwa wenn zwei ehemalige Angestellte erzählen, wie sie ihre Arbeit trotz selbstausbeuterischer Leistung verloren. Oder wenn Erkenntnisse aus der Psychologie präsentiert werden, wonach Hilfsbereitschaft und soziales Miteinander menschliche Grundbedürfnisse sind.

Das Konzept, Betroffene erzählen zu lassen und Aussagen von Experten einzuholen, bewährt sich im Großen und Ganzen. Gerade die Statements von Wissenschaftlern aus der Soziologie und Psychologie helfen dabei, die bedenklichen Trends kenntlich zu machen und zu begreifen. Kreative Ausdruckskraft besitzen die dazwischen geschnittenen Szenen einer Performance von grauen Gestalten, die sich anlässlich des G20-Gipfels 2017 in Hamburg protestierend unters Volk mischten.

Zu kurz kommen die Positivbeispiele von Unternehmen, die sich bewusst am Gemeinwohl orientieren, beispielsweise an der Zufriedenheit der Mitarbeiter. Aber vielleicht vertiefen die beiden Filmemacher ja einige der interessanten Themen in weiteren Beiträgen, schließlich hat die Diskussion über die Zukunft der Arbeitswelt gerade erst begonnen.

Fazit: Leslie Franke und Herdolor Lorenz zeigen in ihrem Dokumentarfilm auf, wie ein entfesselter, nur an Wettbewerb und Profit orientierter Kapitalismus die Arbeitswelt zu Lasten der Beschäftigten verändert. Befristete Verträge, Freiberuflichkeit, Verfügbarkeit auf Abruf erhöhen für den Einzelnen den Leistungsdruck und die Angst, die Existenz nicht mehr sichern zu können. Mit seiner Mischung aus Fallbeispielen und Expertenaussagen arbeitet der Film verschiedene spannende Aspekte des Themas heraus, die jedoch mehrheitlich eine weitere Vertiefung verdient hätten.




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