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Waves
Waves
© Universal Pictures International

Kritik: Waves (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das im Sommer 2018 in Florida gedrehte Drama ist bereits der dritte abendfüllende Film des erst 31-jährigen Regisseurs Trey Shults. Der aus Houston stammende Filmemacher feierte seinen Durchbruch vor drei Jahren mit dem Horrorfilm "It comes at night". Bei der diesjährigen Oscarverleihung befand sich "Waves" in einer Shortlist in der Kategorie "Beste Filmmusik".

Strenggenommen ist "Waves" ein Werk, das aus zwei Filmen, oder vielmehr zwei Erzählungen besteht, die formal und visuell völlig gegensätzlich umgesetzt wurden. Im ersten Teil des Films geht es um Tyler, einen bei seinen Mitschülern beliebten, hochtalentierten Sportler. Er hat eine tolle Freundin und – vordergründig – ein sorgenfreies Leben. Doch der Druck und die Erwartungen des Vaters, alles im Leben zu schaffen und "besser zu sein als die anderen", belasten ihn schwer. Tylers Alltag, sein Leben und vor allem die Veränderungen nach dem Auftreten der Schulterverletzung hält Shults in oft hektischen, ruhelosen Handkamerabildern fest. Vor allem die Szenen in den von flackernden Lichtern atmosphärisch beleuchteten Nachtclubs, wenn sich Tyler ganz dem Rausch und der Ekstase hingibt, zeugen von einer enormen Nervosität und fiebrigen Stimmung.

Das passt zu den inneren Befindlichkeiten der Hauptfigur, erweist sich für den Zuschauer aber als mitunter sehr anstrengend und herausfordernd, da die Kamera gefühlt unentwegt in Dauerbewegung ist. Hinzu kommt eine reizüberflutende, beständige Beschallung teils nicht sonderlich gelungen aufeinander abgestimmter Songs völlig verschiedener Genres (Indie trifft auf Rap trifft auf Elektro). Wesentlich entschleunigter und sensibler geht es dafür in der zweiten Filmhälfte zu, die sich ganz Tylers Schwester und ihrer innigen Liebesbeziehung zu einem ehemaligen Ringer-Kollegen ihres Bruders widmet. In dieser Geschichte setzt Shult deutlich weniger auf One-Shot-Szenen und Wackelkamera.

Während es in der ersten Erzählung vor allem um Inhalte und Aspekte wie Verwundbarkeit, Familienzusammenhalt sowie den auf jungen Menschen lastenden Druck (ein elterlicher, aber ebenso ein gesellschaftlicher) geht, befasst sich die Story um Emily vor allem mit Traumabewältigung. Denn ein tragisches Ereignis sorgte dafür, dass Tyler seiner Familie für lange Zeit entrissen wurde. Shult nimmt seine Figuren jederzeit ernst und widmet sich ihren Sorgen und Nöten mit großer Aufrichtigkeit und unter Verzicht unnötiger Sentimentalität. Einzig die gelegentlich ins Pathetische driftenden Dialoge ("Alles was wir haben ist Liebe. Alles was wir haben ist jetzt.") hätte man sich sparen können.

Fazit: Einfühlsames, schmerzhaft ehrliches Drama über das Schicksal einer afroamerikanischen Kleinstadt-Familie, dessen zwei Hälften sich qualitativ und inszenatorisch zu sehr voneinander unterscheiden.




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