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Kritik: Character One: Susan (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Tim Lienhard arbeitet seit beinahe 40 Jahren fürs Fernsehen. Für seinen zweiten unabhängig produzierten und selbst finanzierten Kinofilm hat er eine alte Bekannte vor die Kamera gebeten. Und diese Frau ist wahrlich ein Charakterkopf: bildschön und markant, selbstbewusst und verletzlich, mitteilungsbedürftig und reflektiert. "Ich hab' den gleichen bösartigen Humor wie Désirée Nick, zurückgezogen wie die Callas, mit der Hingabe und der Melancholie von Romy Schneider, voilà", beschreibt sich Susan selbst und schnippt dabei mit dem Finger. Sie ist eine Naturgewalt, wie man sie ganz selten auf der großen Leinwand erlebt.

Lienhards finanzielle Unabhängigkeit ist seiner Produktion anzumerken. Gemessen an der geförderten Konkurrenz sieht bei ihm alles eine Nummer kleiner, günstiger und mehr nach Fernsehen als nach Kino aus. Formal hat er sich für eine Mischung aus beobachtendem Modus und kurzen inszenierten Einschüben entschieden, in denen er seine Protagonistin in traumgleichen Sequenzen zu klassischer Musik von Georg Friedrich Händel als Diva in Szene setzt.

Mit ihrer lebhaften und ungeschminkt offenherzigen Art ist Susan nicht nur für ihr persönliches Umfeld, sondern auch für das Kinopublikum eine Herausforderung. Auf den ersten Blick dürfte sie auf viele selbstzentriert, arrogant und abgehoben wirken. Wer ihr aber wie Tim Lienhard in seinem Film über einen längeren Zeitraum zuhört, legt unter der schillernden, die Außenwelt blendenden Fassade eine vielschichtige, zärtliche, sich um andere sorgende und verletzliche Person frei.

Wie im echten Leben stehen Freud und Leid nah beieinander. In ihrem Redeschwall beschreibt Susan selbst schlimmste, zutiefst traumatisierende Erlebnisse wie Bagatellen. Das und die dabei bewiesene Stärke, sich einfach nicht unterkriegen zu lassen, rauben einem wiederholt den Atem. Susan ist ein echter Wirbelwind und erobert die Herzen des Publikums im Sturm.

Fazit: Diese Frau ist eine Wucht. Regisseur Tim Lienhard ist das Porträt einer Persönlichkeit geglückt, deren Kraft und Faszination sich das Publikum nicht entziehen kann. Ein umwerfender Film über ein gleichermaßen abgründiges, tiefgründiges und mutmachendes Leben.




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