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Kritik: Eine größere Welt (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Als Regisseurin erzählt die ehemalige Schauspielerin, Roman- und Drehbuchautorin Fabienne Berthaud von faszinierenden Frauen. In ihren drei bisherigen Langfilmen "Frankie" (2005), "Barfuß auf Nacktschnecken" (2010) und "Sky: Der Himmel in mir" (2015) spielte die Deutsche Diane Kruger die Hauptrolle. In "Eine größere Welt" fällt dieser Part der Belgierin Cécile de France zu. Eine ausgezeichnete Wahl, gibt sie ihrer Protagonistin doch das gewisse Etwas mit, um das Publikum bei der Stange zu halten.

Cécile de France spielt Corine Sombrun. Sombrun gibt es wirklich, auch wenn ihre Geschichte wie aus einem Groschenroman anmutet. Erstmals hat Fabienne Berthaud keinen eigenen Stoff verfilmt, sondern auf eine Vorlage zurückgegriffen. Ihrer Mischung aus Trauerdrama, Selbstfindungstrip und Abenteuerfilm liegt Sombruns Buch "Mein Leben mit den Schamanen" zugrunde. Die Regisseurin stellt diesen Umstand ihrem Film jedoch nicht voran und hält sich zusätzlich fiktionalisierte Momente offen. Erst ganz am Ende verortet ein Hinweis das zuvor Gesehene als zu großen Teilen auf Tatsachen aufbauend. Dadurch bewahrt sich "Eine größere Welt" bis zum Schluss einen Schwebezustand, der einen mitunter ungläubig staunen lässt.

Berthauds Film schwebt zwischen Spiritualität und Realität. Eigentlich unvereinbare Welten – der Glaube an Geister und der Glaube an die Wissenschaft – werden darin miteinander versöhnt. Nathalie Durands Kamera fängt nicht nur die schroffe Schönheit der mongolischen Landschaft atemberaubend ein, sie findet auch passende Bilder für Corines Trancezustand, der im Zusammenspiel mit der perkussiven Musik auch im Kinosaal erlebbar wird. Dank de France, die ihre Figur mit dem richtigen Maß aus Emotionalität und Rationalität gibt, als Trauernde mit Neugier und Abenteuerlust, bleibt das stets glaubwürdig.

Leider fokussiert sich die Handlung aus der Feder von Berthaud und Co-Autorin Claire Barré etwas zu sehr auf Corines Liebe zu ihrem verstorbenen Partner. Wiederholt droht das Drama ins Schnulzige abzudriften. Der wissenschaftliche Aspekt, beispielsweise die Tatsache, dass mehr Menschen fähig sind, sich selbst in einen Trancezustand zu versetzen, als landläufig angenommen, kommt dabei zu kurz.

Fazit: In ihrem vierten Langfilm erzählt Fabienne Berthaud erstmals eine fremde Geschichte. Die von Cécile de France überzeugend gespielte Protagonistin eröffnet einen faszinierenden Einblick in eine unbekannte Welt. Berthauds Mischung aus Trauerdrama und spirituellem Abenteuer schlägt eine Brücke zwischen Schamanismus und Wissenschaft, hat allerdings erzählerische Schwächen.




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