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Die Unbeugsamen
Die Unbeugsamen
© Majestic Filmverleih GmbH

Kritik: Die Unbeugsamen (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Immer mehr Filme handeln von Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich in einer traditionell von Männern dominierten Gesellschaft nicht mehr mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Doch schon Jahrzehnte bevor Angela Merkel 2005 die erste Bundeskanzlerin wurde, hatten Frauen die Politik der Bonner Republik mitgeprägt. Zunächst als Exotinnen belächelt, erhoben sie ihre Stimmen immer selbstbewusster.

Diese politischen Pionierinnen trugen den Wandel des gesellschaftlichen Frauenbilds in den Bundestag hinein. Das taten sie nicht nur, wenn sie wie die Grünen konkret Frauenemanzipation vorlebten, sondern auch schon, indem sie sich persönlich im politischen Männerbetrieb behaupteten. Der Dokumentarfilm von Torsten Körner erweckt mit viel spannendem Archivmaterial bewegte Momente aus den 1960er, 1970er, 1980er und 1990er Jahren zum Leben. Dazu erzählen verschiedene Politikerinnen, die damals in Bonn aktiv waren. Über parteipolitische Unterschiede hinweg eint sie eine gewisse Solidarität, die aus gemeinsamen Erfahrungen resultiert. So würdigen sie sich zum Teil gegenseitig in ihren Wortbeiträgen.

Es scheint eine andere Welt zu sein, in der Waltraud Schoppe 1983 ihre erste Rede im Bundestag hält, zum Abtreibungsparagrafen und dem Selbstbestimmungsrecht der Frau. Den männlichen Abgeordneten der etablierten Parteien fliegen ungeahnte Denkweisen um die Ohren. Es sind zum Teil noch die gleichen Abgeordneten, gegen deren sexuelles Anbaggern sich Politikerinnen zur Wehr zu setzen gelernt haben, aber möglichst schonend, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Die Worte Schoppes klingen geradezu revolutionär und gehören zu den Höhepunkten in diesem interessanten zeitgeschichtlichen Film.

In den filmischen Kapiteln, die witzige, ironisch gefärbte Überschriften wie "Meine Herren", "Mehr Frau wagen" tragen, erwacht so manche Redeschlacht im Deutschen Bundestag zu neuem Leben. Bei einigen Themen wie dem Nato-Doppelbeschluss, dem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982, der Debatte zur Wehrmachtsausstellung 1997 wird der Bezug zur Rolle der Politikerinnen nicht so deutlich. Auch geraten etliche der Porträts in dieser Zusammenschau viel zu knapp. Aber es bleibt hängen, wie abwertend das Klima gegenüber Frauen war und wie selbstbewusst sie ihre Perspektive verteidigten.

Fazit: Der Filmtitel "Die Unbeugsamen" scheint nicht zu hoch gegriffen für diesen Dokumentarfilm über Politikerinnen der Bonner Republik. Das beweist der Regisseur Torsten Körner mit spannenden Archivaufnahmen und rückblickenden Interviews von Christa Nickels, Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus-Maier, Rita Süssmuth und anderen prominenten Frauen aus dem Bonner Politikbetrieb. Als Pionierinnen in dieser Männerdomäne erlebten sie Sexismus und Widerstände in vielfacher Form. Der Film erinnert auf lebendige, erhellende Weise, dass die Präsenz und Ansprüche von Frauen auf der politischen Bühne beharrlich erkämpft werden mussten.





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