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Kritik: Mom + Mom (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ihr Spielfilmdebüt widmet die italienische Regisseurin Karole Di Tommaso ihrem Sohn und ihrer Frau Alessia. Da die beiden Hauptfiguren ebenfalls Karole und Alessia heißen, darf vermutet werden, dass die Geschichte von Erlebnissen der Regisseurin inspiriert ist. Die von der Schauspielerin Linda Caridi dargestellte Karole betätigt sich öfter als Erzählerin, die ihre Überlegungen wie in einem Tagebuch festhält. Die Dramödie verbindet Humor, äußeres Geschehen und Fantasien auf schwebeleichte Weise.

Karole und Alessia, die sich für das Wunschkind einer künstlichen Befruchtung unterzieht, leben nicht gerade in geordneten Verhältnissen. Weil das Geld so knapp ist, tummeln sich ständig nervige Touristen in der gemeinsamen Wohnung. Alessias Ex lebt auch dort und hat seine eigenen Probleme, mit dem Haarausfall, mit Frauen. Das lesbische Paar ist für italienische Verhältnisse herrlich unkonventionell, aber Karole zerbricht sich nicht ganz zu unrecht den Kopf darüber, was es heißt, elterliche Verantwortung zu übernehmen.

Die beiden Frauen leben unbekümmert wie Kinder ihre Träume, und der Film betrachtet sie dabei mit Sympathie und Ironie. Diese erzählerische Selbstreflexion, in der die Figuren ihren Standpunkt vertreten und zugleich auch den Kopf über das eigene Verhalten schütteln, erinnert an die Filme von Luca Ragazzi und Gustav Hofer. Das schwule Ehepaar setzt sich in Dokumentarfilmen wie "Dicktatorship" oder "Italy – Love it or Leave it" immer wieder satirisch mit den Mentalitäten der italienischen Gesellschaft auseinander, die es auch in der eigenen Beziehung wälzt.

"Mom + Mom" ist jedoch auch von Lust am Fabulieren durchzogen. Gedanken werden wunderbar in Bildern ausgedrückt und dürfen wild und spielerisch mäandern. Einmal stehen Alessia und Karole in einer ihrer Fantasien auf einer einsamen Flugzeugtreppe in der Landschaft, an der Spitze einer Schar junger Männer, die alle der Vater ihres Kindes sein könnten. Ein andermal führen sie einen Kinderwagen über eine Brücke, unter der das Wasser versiegt ist, und stellen fest, dass ihnen das Kind abhanden gekommen ist. Hier fechtet gerade ein Traum einen heftigen Disput mit einer sich querstellenden Realität aus. Das Erzählen mit den visuellen Mitteln des Films und der fröhliche Tonfall bieten ansprechende Unterhaltung mit Realitätsbezug und einem Hauch Poesie.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der italienischen Regisseurin Karole Di Tommaso erzählt von einem jungen lesbischen Paar, das ein Kind bekommen will. Die Filmfiguren Karole und Alessia sind dabei von Geldproblemen, Schwierigkeiten bei der künstlichen Befruchtung, Ängsten und der eigenen Unreife geplagt, aber auch von kühner Vorfreude erfüllt. Indem die Filmemacherin eigene Erfahrungen verarbeitet, setzt sie sich mit ihrem Platz in der italienischen Gesellschaft auseinander und formt zugleich Erinnerungen, Fantasien zu Andenken ihrer Generation. Ihr ironischer Blick auf das Geschehen und ihre Lust am Fabulieren bereiten Vergnügen.





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