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Kritik: Kahlschlag (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Max Gleschinski, der auch das Drehbuch schrieb, ist ein romantisches Krimidrama. Liebe und Tod liegen hier nämlich wie in den Gedichten und Legenden der Romantik nahe beieinander. Ein verletztes, verschmähtes Herz, ein zerplatzter Traum vom Glück zwingen zwei Männer, die einmal beste Freunde waren, in einen fatalistischen Kampf. Dabei geht es um eine Frau und die Frage, wen von beiden sie mehr liebt. Schon in der Anfangsszene, noch bevor überhaupt ein Mensch zu sehen ist, verknüpfen sich Ballade und Krimi. Die Kamera nähert sich in einem Fichtenwald einem verlassenen Transporter mit offener Tür, Blutspuren werden daran sichtbar. Eine weibliche Erzählstimme trägt dazu das Gedicht "Ein Jüngling liebt ein Mädchen" von Heinrich Heine vor.

Es ist also eine zeitlose Geschichte, die dieser deutsche Independentfilm erzählt, eine, die sich immer wieder ereignen muss, weil ihr nicht zu entkommen ist. Dabei sieht es auf dem Dorffest, drei Jahre vor den gewalttätigen Ereignissen im Wald, noch so aus, als wären Eric, Martin und Frenni ein Herz und eine Seele. In Rückblenden, die den Erinnerungen der Protagonisten folgen, zeigen sich nach und nach auch ganz andere Szenen. Nie hat Eric Martin gesagt, was er ihm nun im Moment der Abrechnung offenbart: Wie neidisch er als Junge darauf war, dass Martin vieles in den Schoß gelegt bekam, während ihm männliche Härte und Entbehrung abverlangt wurde.

Die Rivalität der beiden Männer hat auch viel mit der heimatlichen Scholle zu tun, diesem flachen Land, in dem man in vorgegebene Rollen hineinwächst und wo es für alles, was sich nicht fügen will, keine Sprache gibt. Wo die Menschen familiär, nachbarschaftlich manchmal so aneinander gebunden sind, dass sie funktionieren müssen, schon allein um eine Katastrophe zu verhindern. Vieles wird nur angedeutet, schwelende Wunden und Ängste, eine homoerotische Zuneigung.

Erics und Martins langgezogener Kampf pausiert in Passagen, in denen wieder gesprochen wird und die Möglichkeit einer Versöhnung aufscheint. Frenni hat derweil viel Zeit, aus der Unibibliothek in Richtung Tatort zu eilen, angetrieben von einer schlimmen Ahnung. Auch sie ist mit Ratlosigkeit, Unklarheit in diese fatale Entwicklung verstrickt. Der Showdown zieht sich etwas zu lange hin, nicht jede Rückblende stärkt die Spannung oder fügt sich reibungslos in den Erzählfluss. Dafür entschädigt am Schluss eine interessante Wendung.

Fazit: In seinem Spielfilmdebüt veredelt der Regisseur und Drehbuchautor Max Gleschinski ein in der mecklenburgischen Provinz angesiedeltes Eifersuchtsdrama zur zeitlosen Ballade. Als zwei beste Freunde wegen einer Frau, die nur mit einem von beiden liiert sein kann, aneinandergeraten, entwickelt ihr Duell archaische Wucht. Es wird gespeist von einem Übermaß widersprüchlicher Gefühle, die nie zur Sprache kamen. Der mit Waffen und Worten ausgefochtene, von Rückblenden unterbrochene Kampf mäandert eigenwillig und originell zwischen Krimiaction und Tragödie.







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