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Krautrock 1
Krautrock 1
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Kritik: Krautrock 1 (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit viel Liebe zum Detail und äußerst sorgfältig widmen sich Schmidt und Holder dem Beginn der Ära "Krautrock", dessen Hochphase von den späten 60ern bis etwa in die mittleren 70er-Jahre andauerte. Die ersten rund dreißig Minuten ihrer Hommage an jene Musikgattung, die vor 50 Jahren generell als Synonym für Rockmusik aus Deutschland verstanden wurde, befassen sie sich mit der wohl wichtigsten Krautrock-Formation: Can.

Die beiden Regisseure scheuten keine Kosten und Mühen und machten für ihren Film sogar den ersten Sänger der in Köln gegründeten Band, Malcolm Mooney, ausfindig, der ausführlich zur Entstehung befragt wird. Die Musik, die Can spielte sowie die Art und Weise, wie die Musiker miteinander agierten, habe er zuvor – und danach – nie wieder gehört, sagt Mooney in einer Szene. Und bringt damit die Besonderheit des "Krautrock" auf den Punkt. Krautrock klang wie nichts zuvor und brachte auf bahnbrechende und mutige Weise Rock, Elektronik, exotische Musik und (Free-) Jazz zusammen. Im Anschluss steht Damo Suzuki Rede und Antwort, der bis 1973 als Sänger von Can fungierte und sich von seinem Vorgänger Mooney in Sachen Ausdruck und Stil nicht deutlicher hätte unterscheiden können. Das bestätigt auch Gründungsmitglied Irmin Schmidt ("die Beiden waren nicht vergleichbar"), der viele spannende, aber ebenso heitere Anekdoten zum Besten gibt.

Überhaupt bilden die vielen Interviews neben den tollen Archivaufnahmen von frühen wie gegenwärtigen Bandproben und ersten Konzerten (etwa eines Auftritts von Kraftwerk in Köln von 1971 sowie dem legendären Rockpalast-Gastspiel von Can 1970) einen Schwerpunkt des Films. Mit einem Großteil der wichtigsten (noch lebenden) Vertreter des Genres sprechen die Regisseure. Darunter Michael Rother (NEU!), Eberhard Kranemann (Kraftwerk-Gründungsmitglied), Jaki Liebezeit (er verstarb kurz nach den Dreharbeiten), Harald Grosskopf (Zusammenarbeit u.a. mit Ash Ra Tempel) und sogar Wolfgang Flür von Kraftwerk, der grundsätzlich als eher (medien-)scheu gilt. Durch ihn erfährt man zum Beispiel, wie die Düsseldorfer auf die Namen ihrer für die Entwicklung der elektronischen Musik enorm wichtigen Alben "Radioaktivität" und "Trans-Europa-Express" kamen oder weshalb er in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre die Band verließ.

Darüber hinaus informiert "Krautrock" genauso über weniger geläufige, im Schatten bekannter Gruppen stehender Bands wie etwa die (damals noch) Amateurmusiker von Spirit of Sound. Dadurch wird der akribisch recherchierte, mit Leidenschaft umgesetzte Film nicht zuletzt auch für jene Zuschauer lohnenswert, die nicht schon alles zum und über das Thema "Krautrock" wissen.

Fazit: Nachhaltiger, ebenso erhellender wie spannender Einblick in Geschichte, Stilvielfalt und Wirkung des "urdeutschen" Genres Krautrock.




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