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Kritik: Nationalstrasse (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Kino hat ein Herz für Außenseiter. Zu Herzklopfen bis Herzrasen führt das immer dann, wenn die Underdogs und Outlaws keine netten Typen von nebenan, sondern ebenso vielschichtige wie zwielichtige Gestalten sind. Jaroslav Rudiš' Roman "Nationalstraße" (2013) wartet mit solch einem Antihelden auf. Der nennt sich Vandam, weil er wie Jean-Claude Van Damme im Film "Bloodsport" (1988) 200 Liegestütze am Stück machen kann, und ist ein rechter Schläger. Die stramme Gesinnung biegt er sich wie die Realität gern zurecht. Die perfekte Vorlage also für ein kontroverses Kino-Erlebnis.

So kontrovers fällt das Ergebnis dann allerdings gar nicht aus. Denn Regisseur und Co-Drehbuchautor Štěpán Altrichter hat gemeinsam mit Rudiš nicht nur den Plot entrümpelt und die Handlung gestrafft. Auch Vandam ist sichtlich geglättet. Zum Hitlergruß im Fußballstadion, den er im Roman als römischen Gruß umdeutet und so verharmlost, setzt er in der Verfilmung kein einziges Mal an. Dort schlägt er (zunächst) auch immer nur dann zu, wenn sein Gegenüber auf eine Prügelei aus ist, im stillschweigenden Einvernehmen quasi, was den im Innern herzensguten Vandam viel deutlicher zu einem Sympathieträger macht als im Buch.

Etwas schade ist das schon, schlimm ist es aber nicht. Altrichter und Rudiš packen ihrer Hauptfigur immer noch genügend Ambivalenz und Selbstreflexion auf die Rippen. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass der schwadronierende Monolog der Vorlage durch den großartigen Hauptdarsteller Hynek Čermák im Film regelrecht amüsant, bisweilen gar verschmitzt charmant gerät. Gepaart mit der Musik, die Irma Thomas' Sechzigerjahre-Hit "Anyone Who Knows What Love Is (Will Understand)" variiert und ironisch einsetzt, verstärkt sich der Effekt, wenn Čermáks Figur zum ersten Mal richtig böse zuschlägt. Dann treffen seine Fäuste auch das Publikum tief in die Magengrube.

Altrichter und Rudiš tun gut daran, das Urteil über ihren Protagonisten dem Publikum zu überlassen. Ihr Drehbuch legt geschickt falsche Fährten, die mehr als ein Aha-Erlebnis nach sich ziehen. Zudem zerlegen sich darin ganz nebenbei überkommene Männlichkeitsideale zusehends selbst in ihre Einzelteile. Diese auf den ersten Blick sehr spezifische Geschichte eines Wendeverlierers, der den Frieden nur als Pause zwischen zwei Kriegen begreift, sich selbst permanent im Krieg sieht und, im Gegensatz zum eigenen Vater und Bruder, den Absprung nie geschafft hat, ist überall auf der Welt anschlussfähig. Für den Regisseur bietet sie die Gelegenheit, "ein Phänomen aufzuzeigen, das uns alle bald zerstören könnte, wenn wir nicht anfangen, es ernst zu nehmen". Das ist "Nationalstraße" gelungen.

Fazit: Štěpán Altrichter hat Jaroslav Rudiš' Roman "Nationalstraße" verfilmt. Herausgekommen ist ein ambivalentes Gesellschaftsporträt über Wendeverlierer und -gewinner mit einem großartig aufgelegten Hauptdarsteller. Ein tragikomisches Drama über ein drängendes Thema, das dem Publikum ein eigenes Urteil überlässt.




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