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Alle in einem Boot
Alle in einem Boot
© Antiheld filmverleih

Kritik: Alle in einem Boot (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ursprünglich sollte dieser Film von der Irrfahrt der 937 Passagiere der St. Louis handeln, fast ausnahmslos deutsche Juden, denen im Mai 1939 trotz Touristenvisa die Einreise nach Kuba verweigert wurde. Durch die Flüchtlingskrise im Sommer 2015 erschien die Geschichte überholt. Also machten die Regisseure Tobias Stille und Christof Düro aus der Not eine Tugend und verbanden die historischen mit aktuellen Ereignissen.

Diese Verschränkung bleibt nicht die einzige. Protagonist Paul wollte ursprünglich einen Film drehen, doch ihm fehlte das Geld. Dementsprechend steigen Stille und Düro wie bei einem Historiendrama ein, bevor sich die scheinbare Filmkulisse als Theaterprobe entpuppt. Nach und nach vermischen sich schließlich auch Privat- und Berufsleben. Für Paul etwa bietet die Hauptrolle die Gelegenheit, endlich einmal einen echten Kerl zu mimen. Ganz anders, als er erzogen wurde. Und nicht zuletzt spiegelt die klamme Situation der im Film gezeigten Produktion die finanzielle Lage der Filmemacher selbst. "Alle in einem Boot" wurde abseits des Förderdschungels genossenschaftlich und durch Sponsoren ermöglicht.

Das Ergebnis ist eine Art integrativer Arthausfilm mit einem diversen Cast und vielen vertauschten Rollen. Deutsche und Geflüchtete spiegeln einander, inhaltlich wie visuell. Indem die Mitglieder der Theatertruppe und die Laien aus der Geflüchteten-Unterkunft in andere Rollen schlüpfen, fühlen sie sich nicht nur in das Schicksal anderer ein. Der Film führt dem Kinopublikum auch die Absurdität rassistischer Rollenzuschreibungen vor Augen. Woher jemand kommt, ist einem Menschen ebenso wenig anzusehen wie, wer er ist und was er tut. Dieser Maxime der Austauschbarkeit folgend, "spielen in unserem Ensemble Kurden Türken, die Juden spielen, oder Araber arische Matrosen, die die Passagiere drangsalieren", sagt Düro über den Film.

Trotz der beschränkten Mittel kann sich das sehen lassen. Drehorte wie die Lokhalle in Berlin-Zehlendorf, in der das Stück geprobt wird, und die Glienicker Brücke, an der der Film mit einer Utopie endet, verströmen Kinoflair. Die Schauspielleistungen schwanken zwar und nicht jede Szene sitzt, nicht jede Regie-Entscheidung überzeugt. Die Reflexion über weltweite Migrationsbewegungen im Spiegel der Zeit, ebenso wie das Verhältnis der Kunst dazu überzeugen umso mehr.

Fazit: "Alle in einem Boot" setzt eine historische Flucht aus der Zeit des Nationalsozialismus mit aktuellen Migrationsbewegungen in Bezug und stellt die Frage, welche Rolle die Kunst dabei spielen kann, soll und muss. Ein genossenschaftlich finanziertes, integratives Drama, das Rollenzuschreibungen ad absurdum führt.




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