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Kritik: Wir Eltern (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dies ist kein gewöhnlicher Film. Vom Ehepaar Eric Bergkraut und Ruth Schweikert frei nach eigenen Erfahrungen verfasst und mit den eigenen Söhnen in der eigenen Wohnung gefilmt, hält "Wir Eltern" amüsant die Waage zwischen authentischer Atmosphäre und fiktionaler Fabulierlust.

Das Konzept ist gelungen, hat man hier doch jederzeit das Gefühl, einer echten Familie bei ihrem Alltag zuzusehen. Dazu trägt neben der Wohnung mit ihrer Enge, ihrer Unordnung und Unübersichtlichkeit allein schon die Ähnlichkeit zwischen Bergkraut und seinen Söhnen bei. Einzig die Rolle der Mutter ist mit Elisabeth Niederer fremd, aber vorzüglich besetzt.

Das Drehbuch aus Bergkrauts und Schweikerts Feder treibt die innerfamiliären Kämpfe flott voran und spitz sie süffisant zu. Als kreativ-skurriles Sahnehäubchen setzt das Ehepaar echte Expertentipps obendrauf. Unvermittelt sitzen der Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo im Badezimmer, die Journalistin und Autorin Michèle Binswanger auf dem Ehebett und der Psychologe, Paar-, Sexual- und Familientherapeut Henri Guttmann am Küchentisch und klären das Kinopublikum darüber auf, was in der heutigen Kindererziehung alles schiefläuft und welche Auswirkungen das auf das Eheleben hat.

So gelungen die einzelnen Ideen, die feinen Spitzen und kräftigen Seitenhiebe auch sein mögen, das Gesamtgefüge überzeugt nicht vollends. Denn das Konzept hat eine große Schwäche: Mehr als die Hälfte der Familie sind Laien, und das ist ihrem Schauspiel deutlich anzumerken. Auch die deutsche Synchronfassung, in der sich das Ensemble selbst synchronisiert, bleibt ein gutes Stück hinter der Ursprungsversion zurück. Hier gehen zu viel Dynamik und Sprachmelodie verloren. Wer des Schweizerdeutschen mächtig ist oder sich nicht davor scheut, Untertitel zu lesen, der sollte sich diese Familiendramödie also unbedingt im Original anschauen.

Fazit: "Wir Eltern" ist eine amüsante und charmante Familiendramödie über zwei Eltern, die es zu gut mit ihren Kindern meinen und ihrer deshalb nicht mehr Herr werden. Das außergewöhnliche Konzept aus Realität und Fiktion überzeugt am Ende etwas mehr als der Film selbst. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich den Film unbedingt im schweizerdeutschen Original ansehen.




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