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Kritik: Pinocchio (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Matteo Garrones Name steht ebenso für brutale Gangstergeschichten ("Gomorrha", "Dogman") wie für moderne und klassische Märchen ("Reality", "Das Märchen der Märchen"). Meist geht es auch bei den Gangstern ein wenig märchenhaft und in den Märchen brutal zu. Wenn sich der italienische Regisseur und Drehbuchautor nun also eines Kinderbuchs seines Landsmanns Carlo Collodi (1826-1890) annimmt, dann sollte allen klar sein, dass dabei am Ende kein zuckersüßer Kinderfilm herausspringt.

Collodi, der eigentlich Carlo Lorenzini hieß, bekam vom Erfolg seiner Geschichte nichts mehr mit. Ihren Siegeszug traten "Die Abenteuer des Pinocchio" erst im 20. Jahrhundert an. Nicht unerheblich dazu beigetragen hat die Zeichentrickverfilmung von Walt Disney, die vermutlich mehr Menschen gesehen haben dürften, als Menschen das Original gelesen haben. Dementsprechend prägt der Zeichentrickfilm das kollektive Gedächtnis an diese Geschichte und verstellt dadurch den Blick auf Collodis Ursprungstext. Auch der ist keineswegs so kindgerecht, wie manche Eltern meinen mögen. Wenn die Presse über Garrones Film also von einem "Meilenstein unter den Adaptionen" oder von der "endgültigen Leinwandversion" schreibt, dann heißt das keineswegs, dass Garrones opulente Verfilmung für jedes Kind geeignet ist.

Garrone hat das Drehbuch zusammen mit Massimo Ceccherini, der den Fuchs spielt, geschrieben. Die zwei bleiben nah an der Vorlage und entfernen sich in den ersten Minuten doch schon entscheidend von ihr. Collodis Märchen wurde zunächst in einer Kinderzeitschrift als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht. Das episodische Erzählen führt immer wieder zu großen Handlungssprüngen, die in den einzeln publizierten Episoden kaum auf-, in einem zusammenhängend erzählten Film aber umso stärker ins Gewicht fallen. Hier tut das Drehbuchgespann gut daran, Collodis dünnes Handlungsgerüst und seine skizzenhafte Figurenzeichnung ordentlich zu unterfüttern. Mehr ist hier tatsächlich mehr. Leider behalten Garrone und Ceccherini dieses Weiterspinnen der Vorlage nicht bei.

Je länger der Film dauert, desto näher kommt er der Vorlage, sprich: Die Handlung gerät immer elliptischer und mitunter konfuser. Das bessert sich erst gegen Ende, wenn auch das Staunen über die schiere Pracht und über die fantastischen Elemente von Minute zu Minute wächst. Schön ist auch, dass Pinocchio im Film frecher und anarchischer als in der Vorlage sein darf oder besser gesagt: Er wird dafür weniger bestraft. Dass Collodis Buch in erster Linie der Erziehung dienen sollte, wird ja allzu gern vergessen. Den erhobenen Zeigefinger sucht man bei Garrone allerdings vergebens.

Über die erzählerische Schwäche kann der gelungene Rest allerdings nicht hinwegtäuschen. Die Bilder, in die Kameramann Nicolai Brüel den Film kleidet, sind ebenso prächtig wie Massimo Cantini Parrinis Kostüme, wie die Ausstattung und das Make-up, das Hauptdarsteller Federico Ielapi ganz ohne Computereffekte wie eine echte Holzpuppe aussehen lässt. Und auch das Ensemble macht einen ausgezeichneten Job. Besonders Roberto Benigni, der kurz nach der Jahrtausendwende mit seiner eigenen "Pinocchio"-Verfilmung krachend scheiterte, liefert als Geppetto eine anrührende Leistung ab.

Fazit: Matteo Garrone liefert die bis dato beste Realverfilmung von Carlo Collodis Kinderbuchklassiker ab und ist dennoch ein gutes Stück von einem Meisterwerk entfernt. Das hat vor allem mit der Erzählweise zu tun, die zu elliptisch geraten ist und mitunter verwirrt. Garrones Version ist nah am Original und dadurch von Walt Disneys berühmtem Zeichentrickfilm meilenweit entfernt. Seine Adaption ist mal anrührend, mal anarchisch-frech und oft düster-realistisch und damit garantiert nicht für jedes Kind geeignet.




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