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Die Liebe frisst das Leben
Die Liebe frisst das Leben
© mindjazz pictures

Kritik: Die Liebe frisst das Leben (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der Dokumentarfilm, der im vergangenen Jahr auf dem Filmfest Hamburg debütierte, widmet sich einer komplexen, hochtalentierten Künstler-Persönlichkeit. Gruben war Sänger, Poet, Autor und Komponist in Personalunion. In den 80er-Jahren spielte er in Dark-Wave- und Industrial-Bands, bevor er sich ab den frühen 90er-Jahren anderen Stilen, massentauglicherer Musik sowie eigenwilligen Coverversionen von Gruppen wie R.E.M. oder den Stranglers widmete. Kurz vor einer geplanten, groß angelegten Major-Veröffentlichung 1997, verstarb Gruben Ende 1996 mit nur 33 Jahren. Er nahm viele Jahre lang Heroin.

"Die Liebe frisst das Leben" kreiert das allumfassende, akkurat recherchierte und informative Bild eines hochsensiblen Mannes und begabten Musikers, dem der große Erfolg versagt blieb. Eine tragische Lebensgeschichte, die Oliver Schwabe mittels spannender Archivaufnahmen und intensiver Gespräche aufarbeitet. Zu Wort kommen neben Freunden, früheren künstlerischen Weggefährten (darunter Rocko Schamoni sowie der Regisseur Peter Sempel) und ehemaligen Bandkollegen auch Familienmitglieder, die über das zerbrechliche Wesen von Tobias Gruben sprechen. Er sei schon als Kind immer etwas abseits, verträumt und in seiner eigenen Welt gewesen, berichtet etwa Grubens Schwester, die Kindheitserinnerungen Revue passieren lässt und von prägenden Jahren in Griechenland erzählt. Dort, in der Nähe von Athen, verbrachte Gruben seine ersten vier Lebensjahre. Sein Vater arbeitete als Archäologe. Gruben erinnerte die frühe Kindheit in späteren Briefen (aus denen im Film entscheidende Passagen vorgetragen werden) als die sorgenfreiste, unbeschwerteste Zeit, nach der er sich zurücksehnte.

"Die Liebe frisst das Leben" thematisiert aber freilich auch die dunklen, tragischen Kapitel in Grubens Leben. Etwa die komplizierte Beziehung zum Vater, der nach der Rückkehr nach Deutschland immer depressiver, gleichzeitig jedoch auch herrischer und sadistischer wurde. Grubens Bruder, dessen Stimme aus dem Off zu hören ist, spricht von einer "angespannten Stimmung" und "latenten Feindseligkeit", die zu Hause herrschte. All dies, genauso wie die späteren Drogenerfahrungen (Haschisch, Heroin) prägten die Kunst Grubens.

Und von dieser gibt es im Film einiges zu hören und zu sehen: Rare Bewegtbilder aus dem Studio, verwackelte Handkameraaufnahmen von Live-Auftritten in kleinen, verrauchten Indie-Diskos oder Szenen privater Sessions vermitteln einen nachdrücklichen, authentischen Eindruck von der Musik Grubens, die sich auf ganz unterschiedliche Weise manifestierte und offenbarte: Da gab es den an düstere Bands wie Bauhaus oder Cure erinnernden Dark Wave und Goth-Rock von Grubens erster Band "Cyan Revue", die deutschsprachigen Industrial-Songs von "Die Erde" (die Band bestand ca. von 1988 bis 1991) oder den gefälligeren, zugänglicheren Liedermacher-Alternative-Pop der späten Jahre. All diesen unterschiedlichen Facetten und Ausdrucksformen widmet sich dieser sehenswerte, mit Liebe zum Detail umgesetzte Film gleichermaßen.

Fazit: Informatives, besonnen erzähltes und mit eindrücklichen Archivaufnahmen ausgestattetes Porträt einer beeindruckenden, vielschichtigen Künstler-Persönlichkeit.




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