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Kritik: Oeconomia (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 drängen sich einige einfache Fragen auf. Wie entsteht eigentlich Geld? Wie kommt Wachstum zustande, sprich, wo kommt das zusätzliche Geld für Gewinne her? Und wer zahlt am Ende die Zeche? Diese beziehungsweise ganz ähnlich geartete Fragen stellt die Dokumentarfilmerin Carmen Losmann in "Oeconomia". Die Antworten darauf fallen den Befragten gar nicht so leicht.

Losmann, die bereits mit "Work Hard – Play Hard" (2011), einer Doku über die Veränderungen in der Arbeitswelt, überzeugte, macht aus ihrer Unwissenheit keinen Hehl. Ihr Thema geht sie mit beinahe kindlicher Naivität und Neugier an, was sich als große Stärke dieses Films herausstellt. Denn zum einen nimmt die Regisseurin ihr Publikum dadurch an die Hand. Sie stellt sich selbst und der Finanzbranche kritische Fragen, über die sich viele Zusehende vermutlich schon einmal selbst Gedanken gemacht haben. Zum anderen erwischt Losmann viele der von ihr Befragten mit dieser Art der Fragestellung auf dem falschen Fuß. Viele der vermeintlich so simplen Fragen stellen sich als gar nicht so simpel heraus. Es ist geradezu erschreckend, teils auch überaus erheiternd, wie viele der Befragten Losmanns Fragen nicht beantworten können oder wollen.

Dass in der Finanzbranche etwas faul ist, darauf deutet bereits die Form von Losmanns neuem Film hin. Unzählige Gesprächspartner wollten nicht namentlich genannt werden. Um sie dennoch zu Wort kommen zu lassen, sind die Konversationen mit ihnen als Gedächtnisprotokolle nachgesprochen. Bereits erteilte Drehgenehmigungen wurden wieder zurückgezogen oder streng reglementiert. Womit die Banken und Finanzdienstleister stattdessen einverstanden waren, sind von den Unternehmen gesteuerte und nachgestellte Kundengespräche und Sitzungen. Losmann legt all dies und ihre eigene Position stets offen. Beim Zusehen drängt sich unweigerlich die in der Doku unausgesprochene Frage auf, was diese Branche denn zu verbergen hat.

Die Bedeutung dieser Branche spiegelt sich bereits in den Bildern, die Losmanns Kameramann Dirk Lütter von ihr macht, und in dem Bild, das die Branche nach außen gern selbst von sich abgibt. Die lichtdurchflutenden Bankentürme aus Stahl und Glas vermitteln den Anschein von Transparenz, verschleiern dadurch aber ihre wahre Bedeutung. Sie zementieren Macht. Von seinem Büro aus blickt Thomas Mayer, der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, auf den Kölner Dom. Ein neues Machtzentrum überragt ein altes. Ganz beiläufig fängt Lütters Kamera auch Obdachlose ein, die vor den Glaspalästen der Fußgängerzonen und der Bankenviertel ihr Nachtlager aufgeschlagen haben. Die Schere geht immer weiter auseinander. Wie lässt sich das mit dem Heilsversprechen des steten Wirtschaftswachstums vereinbaren?

Die Strategien, um Losmanns Fragen auszuweichen, sind immer gleich. Entweder wird darauf verwiesen, dass die Antworten zu kompliziert seien und den Rahmen sprengen würden, oder aber Losmann wird gleich als zu dämlich hingestellt, die Antworten und die Gesamtzusammenhänge zu begreifen. Schnell wird jedoch klar, dass die meisten Akteure in der Finanzbranche das Gesamtsystem selbst nicht (mehr) über- und durchblicken. Die wenigsten geben das offen zu.

Diejenigen, die es tun, formulieren unbequeme Antworten: Der zentrale Akteur im Kapitalismus sei der Schuldner, heißt es an einer Stelle. Für ein stetiges Wirtschaftswachstum sei auch eine stetige Ausweitung der Verschuldung nötig. Ein anderer, namentlich nicht genannter Gesprächspartner bringt die Abhängigkeit von Staaten ins Gespräch. Diese seien längst von privaten Kapitalgebern abhängig. Die würden aber nur noch finanzieren, was Rendite bringe. Am Ende würden die Privathaushalte dafür die Zeche zahlen. Über all dem schwebt freilich die Frage nach den Grenzen des Wachstums. "Aktuell befinden wir uns in einer Art Wettrennen. Wer kollabiert zuerst, unser Ökosystem oder der Kapitalismus [...]?", fragt eine der Interviewten.

Wie die Auswege aus dieser Misere aussehen könnten, zeigt Losmann nicht auf. Eine kleine Expertenrunde, die die Regisseurin in der Frankfurter Innenstadt unser Wirtschafts- und Finanzsystem als Brettspiel nachstellen lässt, reißen in ihrer regen Diskussion zumindest ein paar Ideen an. Das Ende des Films deutet zudem auf eine Fortsetzung hin. Gut möglich, dass Losmann in ihrem nächsten Film mögliche Auswege angeht. Bis dahin ist ihr aktueller Film ein immens wichtiges Dokument über ein System, dessen einzelne Akteure ihre Rollen zwar perfekt beherrschen, sich aber in einem Gesamtsystem bewegen, das sie nicht (vollständig) verstehen und das sich deshalb auch kaum mehr beherrschen lässt.

Fazit: Carmen Losmanns neuer Dokumentarfilm beschäftigt sich mit dem Wirtschafts- und Finanzsystem. Die Regisseurin stellt scheinbar simple Fragen, die sich für viele Befragten als zu kritisch herausstellen. "Oeconomia" gibt einen erschreckenden bis erheiternden Einblick in eine Branche, die das eigene System selbst nicht mehr begreift. Ein immens wichtiger und relevanter Film in einer Zeit, in der andauernd von Systemrelevanz die Rede ist.




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