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Schwarze Milch
Schwarze Milch
© Alpenrepublik GmbH Filmverleih

Kritik: Schwarze Milch (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Kritik zu Uisenma Borchus Debütfilm "Schau mich nicht so an" (2015) endete mit der Aussicht darauf, dass das Publikum gespannt sein dürfe, was Borchu ihm als Nächstes präsentiere. Nun liegt die Antwort vor. Wie der Vorgängerfilm ist auch "Schwarze Milch" ein poetisches und provokantes Stück Kino.

Abermals mischt die 1984 in der Mongolei geborene und ab 1989 in Deutschland aufgewachsene Filmemacherin Biografisches mit Ausgedachtem, Dokumentarisches mit Fiktion, Laiendarsteller mit Profis und erzielt so eine außergewöhnliche Atmosphäre. Kamera und Tonspur betonen die Sinnlichkeit von Landschaften, Körpern und Gegenständen. Die Montage driftet wiederholt ins Metaphorische ab. Wie die von Borchu selbst gespielte Protagonistin befindet sich auch ihr Film in einem Schwebezustand zwischen den Welten.

Borchus Umgang mit Wessis selbstbewusster Sexualität ist ebenso sinnlich wie spielerisch. Dieser Umgang geht so weit, dass die Regisseurin einen Gewaltakt künstlerisch überhöht und sich auf diese Weise aktiv aneignet, anstatt ihre Hauptfigur in die passive Opferrolle zu zwingen. Im Schnitt verschwimmen die Ebenen. Was tatsächlich vorfällt, lässt sich nicht eindeutig sagen. Dieses Rohe, brutal Reale und gleichzeitig der Welt Entrückte dürfte auch dieses Mal einige im Publikum vor den Kopf stoßen. Dafür ist Borchus Protagonistin weitaus zugänglicher als noch in ihrem Debüt.

Wessi, deren Name als Allgemeinplatz für alle im Westen lebende Migranten steht, ist eine Entfremdete, die in der ihr fremdgewordenen alten Heimat eine neue Heimat sucht. Unter anderem deshalb, weil ihr Partner in Deutschland glaubt, sie zu besitzen. Nun kehrt sie besitzlos an den Ort ihrer Herkunft zurück. Doch das Nomadenleben birgt nicht nur Freiheit, sondern auch Einschränkungen und Gefahren. Es ist kein Wunder, dass sie sich ausgerechnet bei dem Mann geborgen fühlt, der ihr gegenüber keinerlei Besitzanspruch erhebt.

Im Vergleich zu Borchus Debüt ist "Schwarze Milch" eine sichtliche Weiterentwicklung: erzählerisch, schauspielerisch, visuell. Ein kraftvolles und kunstvolles Drama von einer entschlossenen Filmemacherin, die ihren Stil gefunden zu haben scheint. Mit dieser Regisseurin ist auch in Zukunft zu rechnen.

Fazit: "Schwarze Milch" ist ein ebenso kraftvolles wie kunstvolles Drama über eine Frau auf der Suche nach Zugehörigkeit. Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Uisenma Borchu ist ein poetisches wie provokantes Stück Kino geglückt. Mit dieser Filmemacherin ist auch in Zukunft zu rechnen.




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