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Kritik: Königin (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Auszeichnungen für ihre Arbeit hat die Dänin Trine Dyrholm in ihrer mittlerweile 30-jährigen Schauspielkarriere schon zahlreiche entgegengenommen. Preisverdächtig ist nun auch ihre Darbietung in May el-Toukhys verstörendem Drama "Königin", das dem Zuschauer einiges zumutet. Mit schmerzhafter Intensität und der nötigen Ambivalenz spielt die Charaktermimin hier die auf Missbrauchsfälle spezialisierte Anwältin Anne, deren Leben auf den ersten Blick aus einem Bilderbuch stammen könnte. Mit ihrem Mann und ihren Zwillingstöchtern wohnt sie im Grünen, braucht sich um Geld keine Sorgen zu machen und gilt als unerbittliche Kämpferin für traumatisierte junge Menschen.

Risse in der hübschen Fassade tun sich allerdings auf, als ihr Gatte seinen Sohn aus erster Ehe in der Familienvilla einziehen lässt. Anne, die unbedingt wieder mehr begehrt werden möchte, sucht die Nähe des Teenagers und beginnt schließlich eine Affäre – mit zerstörerischen Konsequenzen.

"Königin" ist einer dieser unbequemen Filme, von denen es heutzutage leider zu wenige gibt. Das von el-Toukhy und Maren Louise Käehne verfasste Drehbuch zeichnet das komplexe Porträt einer ebenso entschlossenen und zupackenden wie narzisstischen Frau, die ihren anfänglichen Status als Sympathieträgerin nach der Grenzüberschreitung, dem Sex mit ihrem minderjährigen Schutzbefohlenen, unwiderruflich verliert. Annes rücksichtslose, egoistische Seite scheint bereits zu einem frühen Zeitpunkt durch und entfaltet in der zweiten Hälfte ihre ganze finstere Kraft. Hoch anrechnen muss man der Regisseurin, dass sie ihre skandalöse Missbrauchsgeschichte trotz einiger provokant-ungeschminkter Liebesszenen nie in plumpe, reißerische Bahnen lenkt. Vielmehr präsentiert sie das eskalierende Geschehen, das klare Ausdeutungen verweigert, auf betont unaufgeregte, fast nüchterne Weise. Am Ende fühlt man sich dennoch hochgradig aufgewühlt und mitgenommen – und kann das beklemmende, stark gespielte Drama so schnell sicher nicht beiseiteschieben.

Fazit: Unbequem und irritierend, "Königin" macht es dem Zuschauer nicht gerade leicht – und ist gerade deshalb absolut sehenswert.




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