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Kritik: Die Tochter des Spions (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Kalte Krieg und die Welt der Spionage waren jahrzehntelang siamesische Zwillinge. Sie prägten ein filmisches Genre, in dem tödliche Aufträge einfach zum Agentenjob gehören. Dass es in Wirklichkeit unter den Spionen aus Ost und West auch nicht zimperlich zuging, daran erinnert dieser hoch spannende Dokumentarfilm. Die Regisseure Jaak Kilmi und Gints Grube begleiten die Lettin Ieva Lešinska-Geibere 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bei der Aufarbeitung ihrer abenteuerlichen Familiengeschichte.

Für die junge Studentin aus der Sowjetunion galt 1978 als Tochter eines zu den Amerikanern übergelaufenen KGB-Agenten das Prinzip "mitgehangen – mitgefangen". Wie der Vater musste sie sich zum eigenen Schutz eine neue Identität in den USA zulegen. Die Übersetzerin und Journalistin, die mittlerweile in Lettland lebt, erinnert sich an ihre damalige Entfremdung von beiden Eltern. Ihren Vater nahm sie als den großen, unzugänglichen Manipulator wahr, ihre Mutter als vorwurfsvolle Briefeschreiberin, die – auch im Auftrag des KGB - ihre Rückkehr zu ihr in die Sowjetunion forderte.

Ievas Erinnerungen sind oft schillernd bunt und folgen dem Wechselbad ihrer Gefühle. So erzählt die Lettin, wie sie, um mit dem Vater, seiner Frau und den aufgekreuzten FBI-Agenten das Überlaufen zu feiern, in ein Hotel gebracht wurde. Man trank Champagner, die FBI-Männer tanzten gerne mit der Studentin, die gar nicht recht wusste, wie ihr geschah. Mit Fotos, Fotomontagen, verwischten Aufnahmen, Reenactment-Szenen, Interview-Gesprächen, Off-Kommentaren, die der jungen Ieva eine Stimme geben, tastet sich der Film an das Wesen der Erinnerung selbst heran. Die Fundstücke sind aufwühlend, eindrucksvoll – befeuert durch Musik der Ära und O-Töne wie Straßenlärm. Aber sie bleiben oft auch vager Natur und bruchstückhaft.

Wann sagt ein Agent die Wahrheit, woran kann sich die Tochter bei ihrem Vater überhaupt halten? Sogar einen ehemaligen Auftragskiller des KGB holt sie vor die Kamera, aber ob ihr Vater ermordet wurde, erfährt sie nicht. Die CIA-Akten über die Familie hätten nun bereits offen zugänglich sein sollen, doch die Filmemacher wurden eines Besseren belehrt. Aber die schmerzliche Verwunderung der Tochter, die zurückblickt, die Wucht des Kalten Krieges und die stilistische Kreativität des Films sorgen für ein bewegendes Erlebnis.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Jaak Kilmi und Gints Grube taucht mit einer so schillernden wie authentischen Spionagegeschichte in die Ära des Kalten Krieges ein. Rund 30 Jahre nach seinem Ende erzählt eine Frau aus Lettland, wie ihr Vater vom russischen Geheimdienst KGB zu den Amerikanern überlief und sie mitzog in ein Leben mit neuer Identität. Die hoch spannenden und bewegenden Erinnerungen der Tochter an die Wucht der Fremdbestimmung in ihrem Leben und die Rätsel, die ihr der Vater aufgab, sorgen für ein außergewöhnliches Filmerlebnis. Dabei wird mit beeindruckender stilistischer Vielfalt auch das Wesen der Erinnerung selbst sinnlich ertastet.




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