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Langes Echo
Langes Echo
© JIP Film und Verleih

Kritik: Langes Echo (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Krieg in der Ukraine scheint in weite Ferne gerückt. Dabei ist der bewaffnete Konflikt gerade einmal sechs Jahre alt und dauert immer noch an. Doch im Frühjahr 2020 dominieren andere Themen, allen voran die weltweite Corona-Pandemie, die Medien. Umso wichtiger, dass Filme wie der von Veronika Glasunowa und Lukasz Lakomy daran erinnern.

Das Regieduo ist nach Dobropillja, 70 Kilometer entfernt von der Front, gereist und hat den Menschen bei ihrem Alltag über die Schulter geblickt. Vom einstigen Glanz dieser 1900 gegründeten Zechenarbeiterstadt zeugen nur noch Museumsstücke. Und auch die Einheimischen, die sich vor der Kamera versammeln, sind echte Unikate. Von der Museumsführerin, die eine Partnervermittlung betreibt, über die Leiterin eines Massage-Salons, die mit allerlei skurrilen Gerätschaften hantiert, bis zum ehemaligen Kumpel, der von seinem eigenen Minizoo träumt, ist alles vertreten.

Glasunowa und Lakomy mischen sich nicht ein, sie schauen ihren Protagonist*innen nur zu. So entstehen tableauartige Bilder voll Symbolgehalt, Kraft und Präzision. Etwa, wenn Mädchen und Jungen fein säuberlich voneinander getrennt auf einem Schulhof stehen. Während die einen unbeschwert Volleyball spielen, posieren die anderen in ihren Militäruniformen. So simpel hält der Krieg nach Geschlechtern aufgeteilt hier Einzug in den Schulalltag. Oder, wenn eine am Boden liegende Lenin-Statue mit einer Abdeckplane verhüllt wird. So sehr es die Bewohner*innen auch versuchen, viele können das sowjetische Erbe nicht verdecken.

Hinter dem Titel steckt "der Nachhall, das lange Echo des sowjetischen Denkens", hat Glasunowa in einem Regiestatement gesagt. Viele Alte in diesem Dokumentarfilm trauern den guten alten Zeiten hinterher und selbst die perspektivlosen Jungen wollen ihre Heimatstadt nicht verlassen. Daraus ergibt sich eine Grundstimmung irgendwo zwischen Melancholie und Trotz. Ein Wunsch eint indes alle, jenseits persönlicher Befindlichkeiten und politischer Parteizugehörigkeit: der Wunsch nach baldigem Frieden.

Fazit: "Langes Echo" blickt auf das Erbe sowjetischen Denkens und die Lage in einer Stadt in der Ostukraine. Zurückhaltend und präzise gelingt dem Regieduo Veronika Glasunowa und Lukasz Lakomy ein bewegender Dokumentarfilm aus einer bewegten Region.




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