VG-Wort

oder

Kritik: Dreissig (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Handlung von "Dreissig" spielt an einem Abend im Oktober in Neukölln. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Simona Kostova drehte ihren Film im Oktober 2015 und ließ all ihre Darsteller sich selbst spielen. Premiere feierte die Indie-Produktion Anfang des Jahres beim Filmfest Rotterdam. Kurze Zeit später fand "Dreissig" Eingang in die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" im Rahmen der diesjährigen Berlinale.

Mit großer Sorgfalt und Geduld lotet Regie-Debütantin Kostova die inneren Befindlichkeiten, Ängste aber auch Hoffnungen der Berliner Freundesclique aus. Exemplarisch steht jeder der Protagonisten gewissermaßen für spezifische Charakterzüge – und genauso für individuelle Lebensentwürfe, zu denen bislang getroffene Entscheidungen (wie etwa die Partner- oder Berufswahl) gehören.

Da ist der schreibende (Über-) Lebenskünstler Övünc (dessen Geburtstag ist der eigentliche Grund, weshalb die Freunde zusammenkommen), der berufliche Durchstarter Pascal, die emotional instabile, hochempfindsame Kara oder die später zur Gruppe dazustoßende Anja, die sich nicht so wirklich zugehörig fühlt. Der Facettenreichtum an Wesenszügen, verschiedenartigen Persönlichkeitsmerkmalen und bunten Lebensentwürfen sorgt für ein hohes Maß an Identifikationspotential – denn ein jeder Zuschauer wird sich in irgendeiner Figur wiederfinden.

Die Tatsache, dass die Darsteller sich gewissermaßen selber verkörpern sorgt für ein hohes Maß an Authentizität und eine dokumentarische Anmutung. Und obwohl der Film eigentlich über keine echte Handlung im klassischen Sinne (ein Spannungsbogen oder wirklicher Konflikt fehlen) verfügt, stellt sich keine Langatmigkeit ein. Stattdessen schaut man diesen sympathischen (nicht mehr ganz so) jungen Menschen gespannt dabei zu, wie sie sich streiten, lieben, durch die Straßen der Hauptstadt rennen, sich ins bunte Neuköllner Nachtleben stürzen und die wichtigen Fragen des Lebens in reflektierten, tiefgründigen Gesprächen abarbeiten.

Fazit: Ein Dasein an der Schwelle zum mittleren Lebensalter: Der dokumentarisch anmutende Film "Dreissig" hinterfragt auf kluge Weise die Sinnhaftigkeit des Lebens sowie den Wert von Freundschaft, Beruf und Liebe im Angesicht einer unsicheren Zukunft.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.