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Kritik: Semper Fi (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Cal und sein Halbbruder Oyster haben es nicht leicht gehabt in ihrem jungen Leben, ein kaputtes Elternhaus liegt hinter ihnen. Über der Kleinstadt Bridgewater im US-Bundesstaat New York schwebt eine vage Mollstimmung im Jahr 2005, Cal und seine Freunde führen ein bescheidenes Dasein zwischen Job und Treffen in der Bar. Auf Cals Armen sind die Worte "Semper Fidelis" eintätowiert, für immer treu. Es ist das Motto des US-Marine Corps, dem die jungen Männer als Reservisten angehören. Pflichtbewusstsein, Soldatenehre und auch sein Job als Polizist haben Cal Halt gegeben, während sein Bruder wenig Neigung zu einer soliden Existenz zeigt.

Dem Regisseur Henry Alex Rubin ("Disconnect") aber schwebte kein pädagogisch korrektes Drama vor, in dem es den guten und den bösen Bruder gibt und der Pfad der Tugend allen den Weg weist. Mit rauen, realitätsnahen Brechungen wird infrage gestellt, ob die Befolgung eines legalen Weges unter allen Umständen die richtige Entscheidung im Leben sein muss. Was ist mit dem menschlichen Zusammenhalt in der Familie, in der Gruppe der Marines, und mit dem gegenseitigen Vertrauen, sich aufeinander in der Not verlassen zu können?

In amerikanischen Filmen sieht man nicht oft eine Gruppe von Soldaten, die sich bewusst für eine Straftat auf heimatlichem Boden entscheidet, einen großen Coup, wie er sonst Gangstern vorbehalten ist. Es mag zunächst unglaubwürdig wirken, wie dieser Sinneswandel in den rechtschaffenen Männern vor sich geht, aber sie bekennen sich mit ihrem Zusammenhalt ebenfalls zu einem der elementaren Werte der amerikanischen Gesellschaft.

Bei Rubin haben nicht Cal, Oyster und die Freunde versagt, sondern das System, das ihnen Härten und Ungerechtigkeiten auferlegt, die kaum oder gar nicht mehr zu stemmen sind. Der dramaturgisch gut aufgebaute Film verfügt über einen spannenden Abschnitt, in dem Cals Fronterlebnisse und Oysters Leiden in der Haft parallel erzählt werden. Rubin zeigt ungeschminkt, wie groß die Macht der Gefängniswärter ist, wie klein der einzelne Mensch vor dem Justiz- und Vollzugsapparat werden kann.

Als die Handlung dann auf den großen Coup zusteuert, raubt einem die Spannung schier den Atem. Manchmal mutet die Farbpalette von Bridgewater kühl und gedimmt an und entsprechend winkt den Männern hier für die größte denkbare Anstrengung auch kein Goldregen, muss mindestens einer noch Konsequenzen tragen.

Fazit: Die dramatische Geschichte zweier Halbbrüder, deren Zusammenhalt an der Gesetzestreue des älteren zu zerbrechen droht, verbindet den persönlichen Konflikt mit deutlicher Gesellschaftskritik. Die Molltöne in der nicht gerade boomenden amerikanischen Provinz, in der jeder sein Päckchen zu tragen hat und unter der Last auch schon mal ins Straucheln geraten kann, erzeugen Realitätsnähe. Regisseur Henry Alex Rubin spricht Missstände und Willkür im Justizsystem an, aber es gelingt ihm auch, die Geschichte in einen hoch spannenden Thriller münden zu lassen.




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