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Der See der wilden Gänse
Der See der wilden Gänse
© eksystent distribution filmverleih

Kritik: Der See der wilden Gänse (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Vor sechs Jahren katapultierte sich Yi'nan Diao quasi aus dem Stand in die filmische Weltspitze. Zwar hatte der 1969 geborene Regisseur und Drehbuchautor zu diesem Zeitpunkt schon zwei abendfüllende Spielfilme vorgelegt, doch diese lagen einige Jahre zurück und wurden außerhalb Chinas und abseits der Filmfestivalblase kaum wahrgenommen. Diaos drittem Film, "Feuerwerk am helllichten Tage" (2014), erging es während der 64. Berlinale ganz ähnlich. Niemand hatte den Thriller auf der Rechnung. Dann heimste er nicht nur den Silbernen Bären für den besten Darsteller, sondern auch gleich den Goldenen Bären als bester Film ein.

Diaos preisgekrönter Hauptdarsteller Fan Liao und seine Hauptdarstellerin Gwei Lun-Mei sind wieder mit von der Partie. Die Hauptrolle spielt indes der asiatische Superstar Ge Hu. Allesamt liefern eine Klasseleistung ab. Auch das neue Werk ist ein astreiner Neo noir. Dieses Mal legt Diao aber noch eine Schippe drauf. Diesen Film, der 2019 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes lief, muss man gesehen haben, um die Kunststücke zu glauben, die der Regisseur darin vollführt.

Diao wirft sein Publikum mitten hinein in die dunklen Ecken der Millionenmetropole Wuhan. Neonreklamen erhellen die Nacht, der Regen prasselt. Ein verwundeter Verbrecher wartet an einer Bahnstation auf seine Frau. Stattdessen kreuzt eine Prostituierte auf, die mehr weiß, als sie zunächst preisgibt. Eine Reise durch die Nacht und durch verschiedene Erzählebenen nimmt ihren Lauf. In diesem brillant fotografierten Spiel aus Farben, Licht und Schatten ist nichts, wie es scheint.

Der chinesische Filmemacher entführt in eine Welt, in der sich Gut und Böse nur dadurch unterscheiden, wer von Amts wegen eine Waffe tragen darf. Die Verbrecher und die Polizisten spiegeln einander. Die einfachen Bürger sind die Kollateralschäden dazwischen; zerrieben zwischen Recht und Ordnung auf der einen und Unrecht und Unordnung auf der anderen Seiten; vom Wachstum der Städte, das die Natur immer weiter zurückdrängt, verschluckt.

Damit steht Diao in einer Linie mit anderen Filmemachern wie Zhangke Jia ("A Touch of Sin") oder Xiaoshuai Wang ("Bis dann, mein Sohn"), die von den enormen Umwälzungen ihres Heimatlandes, vom rasanten Tempo der Modernisierung und von den Verlusten durch Landnahme und Bauboom erzählen. Um diese Neuerungen ins Bild zu rücken, verschränkt Diao zwei alte Genres: den amerikanischen Film noir und das chinesische Wuxia. Wie er das macht, ist schlicht atemberaubend.

Die von Gelb-, Grün- und Rottönen dominierte Nacht ist brillant in Szene gesetzt. Die experimentelle Musik gibt die Stimmungen der Figuren wieder. Geräusche werden selbst zu Musik. Die verschiedenen Zeit- und Erzählebenen gleiten in perfekt getakteten Montagesequenzen geschmeidig vorüber. Die Höhepunkte bilden die wenigen, sparsam eingesetzten Kampfszenen, die sich zu surrealen Spektakeln steigern. Düster, lakonisch, meisterhaft.

Fazit: Vor sechs Jahren überraschte Yi'nan Diao Publikum und Fachwelt mit seinem Berlinale-Gewinner "Feuerwerk am helllichten Tage". In seinem neuen Film, der 2019 in Cannes lief, legt er noch einmal eine Schippe drauf. "Der See der wilden Gänse" ist ein atemberaubender Neo noir. Ein brillantes Schattenspiel in der chinesischen Unterwelt. Düster, lakonisch, surreal – mit einem Wort: meisterhaft.




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