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Die Epoche des Menschen
Die Epoche des Menschen
© 24 Bilder © Happy Entertainment

Kritik: Die Epoche des Menschen (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieser kanadische Dokumentarfilm aus dem Jahr 2018 ist Teil des multimedialen "Anthropocene Project", einer Gemeinschaftsarbeit dreier Künstler. Die Filmemacherin Jennifer Baichwal, der Regisseur und Kameramann Nicholas de Pencier und der ebenfalls an der Regie beteiligte Fotograf Edward Burtynsky veranschaulichen, dass die wissenschaftliche These vom Zeitalter des Anthropozän keine abstrakte Kopfgeburt ist. Auf sechs Kontinenten haben sie Belege gesammelt, wie gewaltig die Eingriffe des Menschen in die Beschaffenheit des Planeten sind. Die eindringliche Kommentarstimme der deutschen Filmfassung stammt vom Schauspieler und Umweltaktivisten Hannes Jaenicke.

Wie der Kommentar selbst sind auch die Aufnahmen des Films oft auf der Jagd nach Superlativen. Norilsk in Sibirien etwa ist mit seinen Industrien und der Schwermetallschmelzanlage die Stadt mit der höchsten Umweltverschmutzung weltweit. Im Kohletagebau Garzweiler ist der größte Schaufelradbagger der Welt aktiv. Mit der Kamera werden beispielsweise Fabriken und Minen besichtigt, der Gotthard-Basistunnel befahren. Meistens kommt dann eine Person zu Wort, die vor Ort wohnt oder arbeitet und ein wenig mitteilen kann, wie sich das anfühlt. Imposante Luftaufnahmen lassen erkennen, wie der Mensch das Antlitz des Planeten verunstaltet, mit Millionenstädten, Müllhalden, trostlosen Abbauflächen. Auch Unterwasseraufnahmen von gefährdeten Korallenriffen fehlen nicht. Den emotionalen Höhepunkt des Films bildet die Passage, in der im Nairobi National Park in Kenia beschlagnahmte Elefantenstoßzähne in großen Haufen verbrannt werden. So werden sie dem Geschäft der Wilderer und Händler entzogen.

Die Aneinanderreihung der unterschiedlichsten Schauplätze erlaubt nur einen groben Überblick über den beunruhigenden Charakter des Anthropozän. Zwar werden ein paar interessante Begriffe eingestreut und erklärt, wie "Technofossilien" oder "Anthroturbation". Jedoch fehlen weitgehend die Aussagen von Wissenschaftlern und eine thematische Vertiefung, beispielsweise in das Artensterben. Dafür gibt es Aufnahmen vom Londoner Zoo oder einer Elfenbeinmanufaktur in Hongkong. Eine Beschränkung auf wenige, aber gründlicher aufbereitete Themen wäre hier die bessere Wahl gewesen.

Fazit: Der kanadische Dokumentarfilm von Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky präsentiert in sechs Kontinenten gesammelte Belege für die These, dass das Anthropozän längst angebrochen ist. Der Begriff bezeichnet ein Erdzeitalter, in dem der Mensch die Geologie des Planeten stärker verändert als die Natur. Mit imposanten Aufnahmen direkt vor Ort und aus der Luft führt der Film vor, wie gewaltig die menschlichen Eingriffe sind – beim Abbau von Rohstoffen, mit Industrie- und Stadtlandschaften. Hannes Jaenicke reiht als Sprecher der deutschen Fassung Superlative in Form von Zahlen und Fakten aneinander, aber die thematische Bandbreite des Films lässt inhaltliche Vertiefungen vermissen.




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