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Kritik: Ema - Sie spielt mit dem Feuer (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín ("No", "Neruda") hat ein expressives Drama geschaffen, das eine von unbändigem Lebenshunger angetriebene junge Frau porträtiert. Die Titelfigur Ema stellt im Grunde weniger einen einzelnen Menschen dar, als dass sie mit ihren vielen Facetten eine ganze Generation symbolisiert. Als junge Erwachsene ist Ema noch impulsiv wie ein Kind, dann wieder zielstrebig und hart im Nehmen. Sie greift nach allem, was sie sich vom Leben wünscht. Individualismus ist ihre wichtigste Eigenschaft. Ema scheint einen Tanz auf dem Vulkan zu absolvieren, als gäbe es kein Morgen.

Die Geschichte wird nicht auf konventionelle Weise erzählt, sondern folgt einem widersprüchlichen, unvorhersehbaren Kurs. Larraín hat gesagt, Ema vereine viele Persönlichkeiten, sei zugleich beispielsweise Mutter, Ehefrau, Schwester, Liebhaberin. Mit kurzen Szenen springt der Film von einem Schauplatz in Emas gegenwärtigem Leben zum nächsten, oft ohne dass sich ein emotionaler Zusammenhang ergibt. Man kann sich nicht einmal sicher sein, dass die Chronologie der Ereignisse eingehalten wird. Vom Ehestreit mit Gastón geht es zum Tanzen, zur lesbischen Liebe.

Ema kann unmoralisch wirken, ja sogar kriminell. Denn nachts zieht sie manchmal, bewaffnet mit einem Flammenwerfer, durch die Straßen der Stadt Valparaíso und setzt ein Denkmal oder eine Ampel in Brand. Aber sie spürt, dass sie sich vom Kind Polo nicht lossagen will. Erst am Schluss offenbart sich, dass Ema mit ihrem merkwürdigen Verhalten zielstrebig einen ausgereiften Plan verfolgt hat. Aufgeben ist nicht ihr Stil.

Die energiegeladene Musik mit den vielen elektronischen Verfremdungen, die Montage, die Gegensätze aneinanderreiht, die oft lustbetonten Aktivitäten Emas laden die Geschichte mit einer zwiespältigen Spannung auf. Worauf der Film hinaus will, bleibt nämlich einigermaßen unklar. Will er eher die fehlende Moral, den Hedonismus der jungen Generation anprangern oder ihrer unbeirrten Freiheitsliebe huldigen? Ema kann die Menschen verführen und an sich binden, aber sie kann sie alle, schon allein aufgrund ihrer inneren Unabhängigkeit, auch vor den Kopf stoßen. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Figur zu interpretieren. Sicher ist jedoch, dass die originelle, kunstvolle Gestaltung den Film zu einem besonderen Kinoerlebnis werden lässt.

Fazit: Der chilenische Regisseur Pablo Larraín setzt mit der schillernden, energiegeladenen Titelfigur der Generation junger Erwachsener in seinem Land ein widersprüchliches Denkmal. Ema ist eine eingefleischte Individualistin, die im Leben alles auf einmal will und als Mutter eines adoptierten Kindes versagt hat. Doch statt still zu büßen, kehrt sie ihre Kraft nach außen und schart andere Menschen um sich, um mit ihrer Hilfe weiterzukommen. Während die Figur einigermaßen rätselhaft bleibt, sorgen die eigenwillige Dramaturgie und die ausdrucksstarke stilistische Gestaltung des Films für ein intensives Kinoerlebnis.




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