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Sebastian springt über Geländer
Sebastian springt über Geländer
© dejavu filmverleih

Kritik: Sebastian springt über Geländer (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Regisseur und Drehbuchautor Ceylan Ataman-Checa gibt sein Spielfilmdebüt mit einem beeindruckenden Coming-of-Age-Drama. In wenigen, atmosphärisch aussagekräftigen Szenen aus drei Lebensphasen schildert es die Entwicklung des Kindes Sebastian zum jungen Erwachsenen. Dieser Verwandlungs- und Reifeprozess erweist sich als sehr herausfordernd, denn der Titelheld hat es in seinem jungen Leben nicht leicht. Gilt das nicht mehr oder weniger für alle Menschen, die auf die Pubertät zusteuern und auch wieder aus ihr herausfinden müssen? Die emotional aufwühlende Geschichte wird treffend und konzis erzählt – sie dauert ganze 70 Minuten.

Schweigsamkeit ist Sebastians hervorstechendste Eigenschaft. Es ist ja auch schon in seiner Kindheit meistens keiner da, der ihm groß zuhören würde. Die Mutter arbeitet oder ist müde. Vieles Prägende in seinem Leben wird nur angedeutet, etwa die Geldknappheit. Oder der Kummer, keinen Vater zu haben, der sich in einer seltsamen Begegnung des Teenagers mit einem Mann Bahn zu brechen scheint. Der von sich eingenommene Spießervater (Andreas Sigrist) seiner Freundin muss Sebastian zumindest kurz wie das Maß aller Dinge vorkommen.

Der Autor und Regisseur versteht es hervorragend, den inneren Aufruhr des Teenagers fühlbar zu machen. Obwohl, oder gerade weil so wenig gesprochen wird, erreicht das Drama in der mittleren Episode eine aufwühlende Intensität. Sebastian erlebt einen erschütternden Moment der Hilflosigkeit und Einsamkeit, der sehr authentisch dargestellt wird. Kaum zu glauben, dass der so unaufgeregt und bewegend spielende Joseph Peschko kein Schauspielprofi ist, sondern sein Filmdebüt gibt.

In den verschiedenen Lebensphasen setzt sich Sebastian mit wiederkehrenden Themen auseinander, wie dem Wunsch, auszubrechen und frei zu sein, oder der Sehnsucht, irgendwo landen zu können. In engem, fast quadratischem Bildformat gedreht, legt der Film Wert auf sinnliche Eindrücke. Sebastian nimmt das wechselnde Licht der Tageszeiten genau wahr, betont seine Färbung vielleicht auch mal subjektiv, hört die Botschaft der Geräusche. Mal vernimmt man Straßenlärm, mal verstärken leise gurrende Tauben den Eindruck von Stille. Dieser sehenswerte, von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin produzierte Abschlussfilm ist eine überzeugende Talentprobe seines Autors und Regisseurs.

Fazit: Der Regisseur und Drehbuchautor Ceylan Ataman-Checa blättert Kindheit und Jugend seines Titelhelden sehr aussagekräftig und dicht erzählt in drei zeitlich auseinanderliegenden Episoden auf. Aus dem schweigsamen, viel sich selbst überlassenen Kind einer alleinerziehenden Mutter wird ein Teenager, der aus der Enge seines Lebens ausbrechen will und in eine Krise gerät, bevor er als junger Erwachsener den Absprung schafft. Das zuweilen sehr intensive Coming-of-Age-Drama bewegt, weil es am Beispiel seines Hauptcharakters sehr authentisch zutage fördert, mit wie viel Einsamkeit und innerer Arbeit das Heranwachsen verbunden sein kann.




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