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Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas
Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas
© Majestic Filmverleih GmbH © Paramount Pictures Germany

Kritik: Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Ausgrissn! - In der Lederhosn nach Las Vegas" ist vor allem eines geworden: Ein sehr sympathischer Film, dem man gerne zuschaut und dessen nostalgischer Gehalt nie aufgesetzt wirkt. Dabei ist die Strukur vor allem zu Beginn durchaus gewöhnungsbedürftigt, denn man beginnt mit einem geskripteten Abstecher in ein uriges bayrisches Wirtshaus, wo sich seit zumindest 50 Jahren nichts geändert zu haben scheint. Wenngleich diese Szenerie fiktiv bzw. fiktionalisiert ist, kann man doch vermuten, dass es den beiden Brüder, die offenbar wirklich aus der tiefsten bayrischen Provinz stammen, in ihrem Umfeld sehr ähnlich ergangen sein muss: Die Dorf-Ältesten verstehen nicht, was die Jungen da wollen, warum sie in der Welt herumreisen müssen anstatt zu arbeiten oder zu studieren - und sind dabei insgeheim doch neidisch, das selbst nie gemacht und sich stets in der heimatlichen, provinziellen Sicherheit gesuhlt zu haben.

Dabei ist die Grundprämisse des Films, die große Freiheit ausgerechnet in den krisengebeutelten USA zu finden, zwar liebenswürdig-naiv, aber auch etwas kurzsichtig: Der amerikanische Traum ist spätestentens seit Trump tot, und ob er jemals wieder lebendig werden wird, hängt von möglichen Nachfolgern des orangen Mannes im Weißen Haus ab. Gerade deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass es der 2018 gedrehte Streifen schafft, über die Gespräche, die die beiden Brüder mit Menschen führen, die sie auf ihrem Weg treffen, eine Idee davon zu vermitteln, was dieser "American Dream" für Amerikaner bedeutet. Oder zumindest einmal bedeutet hat.

Dabei ist das vermittelte Bild durchaus etwas einseitig, da sich die Wittmann-Brüder routenbedingt vor allem auf den großen Flächenstaaten in der Mitte des Landes bewegen, wo die Menschen um einiges anders ticken als in den städtischen Metropolen an der West- und Ostküste. Das bedingt auch, dass die Gesprächspartner der beiden durchwegs weiße Männer sind, Frauen oder Minderheiten kommen nicht zu Wort. Gleichzeitig macht es das auch wieder interessant, denn das US-Bild, das wir sonst durch Medien vermittelt bekommen, ist ein äußerst urban und küstenstädtisch geprägtes. Dass gesellschaftliche und politische Wirren, die 2018 in den USA natürlich bereits wirksam waren, in "Ausgrissn" kaum bis gar nicht angesprochen werden (und zwar weder von den Protagonisten, noch von ihren Reisefreunden), mag auf den ersten Blick irritieren, macht den Film auf der anderen Seite aber auch wieder äußerst erfrischend, da er ein ganz anderes Bild zeigt, als jenes, das wir seit 2016 kennen: Ein positives nämlich, das sich an der Legende der "großen Freiheit" orientiert und ihr nachspürt, was insgesamt einen äußerst untypischen und vor allem hoffnungstiftenden Gesamteindruck vermittelt.

Fazit: Julian und Thomas Wittmann ist ein sympathischer, geradezu unschuldiger und auf beste Art naiver Selbsterfahrungs-Road-Trip-Film gelungen, der sich durch urige und spannende Charaktere und atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen auszeichnet - alles erzählt und präsentiert in typisch bayrischer Gemütlichkeit.




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