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Kritik: Milla Meets Moses (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Einerseits erzählt dieses australische Drama, mit dem die Regisseurin Shannon Murphy ihr Spielfilmdebüt gibt, die Geschichte einer krebskranken Jugendlichen. Andererseits aber unterscheidet es sich von anderen Filmen mit diesem Thema. Denn es drückt nicht auf die Tränendrüse und verweist die Krankheit selbst, so wie die junge Hauptfigur es tut, auf die hinteren Plätze. Millas Krebs gerät nie ganz aus dem Blickfeld, aber das Drama handelt dennoch auch von anderen Dingen. Vor allem geht es um den Freiheitswunsch einer Jugendlichen aus gutem Hause. Er äußert sich in der Freundschaft mit einem drogenabhängigen Obdachlosen. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Rita Kalnejais, die auch das Drehbuch schrieb.

Weil mit Milla und Moses zwei weit voneinander entfernte soziale Milieus aufeinanderprallen, durchzieht die Geschichte eine lebhafte Spannung. Milla ist ein behütetes Einzelkind, das zum Geigenunterricht geht. Moses wirkt stets ein wenig verloren, sprüht aber wie ein Kind vor guter Laune. In seiner Anwesenheit merkt Milla, wie viel Leben auch in ihr steckt. Für die Jugendliche ist die soziale Schranke einfach nicht vorhanden. Mit ihrer unbekümmerten Lust, im Moment zu leben, emanzipieren sich die beiden, die lange nur platonisch-freundschaftlich verkehren, von ihrer Umgebung. Nach und nach zeichnet sich ab, dass es darin auch andere Menschen gibt, die ihre innere Isolation durchbrechen wollen. Konflikte bleiben nicht aus, aber der erzählerische Ton bleibt unbeschwert. Oft wirkt er sogar ausgesprochen nüchtern, als spiegele er die tendenzielle Gleichgültigkeit der Gesellschaft, für die das Leben trotz individueller Not weitergeht.

Eliza Scanlen spielt Milla mit ansteckender Fröhlichkeit und Begeisterungsfähigkeit. Die Filmfigur wirkt jedoch manchmal auch ein bisschen zu gefasst für ihr Alter. Die eigentliche Entdeckung ist Toby Wallace als Moses. Er kann so glaubwürdig den mitreißenden Lebenshunger des jungen Mannes, seine Schutzbedürftigkeit und Getriebenheit darstellen.

Die ganze Inszenierung erzeugt eine Atmosphäre der Frische. Da gibt es zum Beispiel die Unterteilung in Kapitel mit eingeblendeten Titeln, die ein wenig Distanz zum Geschehen erzeugen und die Neugier schüren. Die luftige Stimmung passt gut zum Wunsch der Figuren, sich nicht mit einem Zustand des Mangels abzufinden.

Fazit: Wenn ein Film von der Krebserkrankung eines Teenagers handelt, fließen beim Betrachten normalerweise großzügig die Tränen. Die australische Regisseurin Shannon Murphy aber pflegt in ihrem Debütfilm einen leichten, unbeschwerten Ton, zu dem sich eine Haltung realitätsnaher Nüchternheit gesellt. Darin spiegeln sich der Freiheitsdrang und Lebenshunger einer krebskranken Jugendlichen und eines jungen Obdachlosen, die sich über die sozialen Schranken hinweg anfreunden. Das frische Spiel der beiden Hauptdarsteller Eliza Scanlen und Toby Wallace vermittelt glaubhaft, wie ihre Figuren die eigene Not in Schach halten.




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