VG-Wort

oder

Kritik: Tryggd (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ásthildur Kjartansdóttir arbeitet bereits seit 30 Jahren in der Filmbranche. Sie schreibt Drehbücher, produziert und realisiert Dokumentarfilme, Kurzfilme, Kinderfilme und Webserien. Ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin gibt sie erst jetzt. Es ist von Auður Jónsdóttirs Roman "Tryggðarpantur" inspiriert. Die jahrzehntelange Erfahrung ist Kjartansdóttirs Drama anzumerken. "Tryggð" nimmt sich Zeit und kann sich sehen lassen.

Die Handlung ist in Reykjavík angesiedelt. Dementsprechend spielt die in vielen isländischen Filmen so zentrale Landschaft hier keine Rolle. Ja, nicht einmal die markanten Wahrzeichen der Hauptstadt wie die Hallgrímskirkja oder das Konzerthaus Harpa am Hafen kommen vor. Stattdessen setzt Kameramann Ásgrímur Guðbjartsson das Haus der Hauptfigur glänzend in Szene. In diesen vier Wänden, dessen Farben sich in den Kleidungsstücken der Figuren fortsetzen, entspinnt sich ein Kammerspiel um Mitgefühl und Macht.

Kjartansdóttir, die auch das Drehbuch schrieb, erzählt von einer Frau, mit der sich viele im Publikum identifizieren können. Die von Elma Lísa Gunnarsdóttir gespielte Gísella möchte Gutes tun und geht dabei weiter als die meisten Menschen. Schnell wird sie sich jedoch der Grenzen ihrer Toleranz bewusst. Die Diskrepanz zwischen ihrer gut gemeinten Absicht und dem gelebten Alltag wird immer größer, bis sie am Ende zu eben jener Art Mensch geworden ist, die sie nie sein wollte.

Elma Lísa Gunnarsdóttir und die drei Debütantinnen um sie herum – Enid Mbabazi, Raffaella Brizuela Sigurðardóttir und Claire Harpa Kristinsdóttir – füllen ihre Rollen mit Leben. Die Regisseurin lässt ihnen genügend Zeit und ausreichend Raum, um ihre Charaktere und deren Zusammenwirken glaubwürdig zu entfalten. Einzig der dritte und letzte Akt gerät etwas zu hastig, sprunghaft und dadurch in seiner Konsequenz zwar erwartbar, aber schwer nachvollziehbar.

Fazit: Ásthildur Kjartansdóttirs Spielfilmdebüt kann sich sehen lassen. Das Drama dreht sich um die Frage, wie tolerant eine Gesellschaft gegenüber ihren Zuwanderern ist. Kjartansdóttir macht daraus ein ruhig erzähltes, toll fotografiertes und überzeugend gespieltes Kammerspiel, das einzig in seinem letzten Akt etwas mehr Präzision vertragen hätte.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.