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Kritik: Astronaut (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für die Verwirklichung von Träumen ist es nie zu spät – oder etwa doch? Macht es denn Sinn, sich mit 75 Jahren und stark angeschlagener Gesundheit für einen Ausflug ins Weltall zu bewerben? Angus, der betagte Held dieses berührenden Familienfilms aus kanadischer Produktion, greift jedenfalls nach den Sternen.

Die Geschichte, mit der die bislang vor allem als Schauspielerin bekannte Regisseurin Shelagh McLeod ihr Spielfilmdebüt gibt, plädiert auf mehrfache Art dafür, alte Menschen nicht auf das soziale Abstellgleis zu schieben. Jemand wie Angus hätte mit seinem Erfahrungsschatz viel zu geben und könnte Jüngere womöglich auch schon mal vor Fehlern bewahren. Das beseelte Spiel des Hauptdarstellers Richard Dreyfuss ("Die Nacht hat viele Augen") veredelt die mit liebevoller Bedächtigkeit inszenierte Geschichte zum regelrechten Filmgenuss.

Angus trauert um seine Frau, er muss sein Haus verkaufen lassen, in der Familie seiner Tochter fühlt er sich nicht rundum willkommen. Anders als Enkel Barney mag ihn Schwiegersohn Jim nicht besonders. Die Tochter und Jim haben zudem ihre eigenen Probleme. Das Heim, in das sie ihn bringen, erinnert zunächst mit seiner dominanten Pflegerin und einem fast stummen indianischen Mitbewohner (Graham Greene) an die schlimme psychiatrische Anstalt in "Einer flog über das Kuckucksnest". Angus wird zu einem rebellischen Widerstandskämpfer, der es allen zeigt, die ihn und Leute seines Alters unterschätzen.

Es gelingt dem Film, seine verschiedenen Themen unauffällig elegant miteinander zu verweben. Nachdem sich Angus für den Weltraumflug bewirbt, geht quasi ein Weckruf durch sein gesamtes Umfeld. Die Leute im Heim werden neugierig und lebhafter, die Familie befasst sich intensiver mit ihm. Der versöhnliche Grundton ist eine Eigenschaft der Filmatmosphäre, der andere eine kindlich unbekümmerte Naivität. Dabei wirkt der spannendste Konflikt der Geschichte, nämlich ob Angus mit seinem Ingenieurswissen Gehör findet, als er vor einem Konstruktionsfehler der Startbahn warnt, sehr wirklichkeitsnah.

Richard Dreyfuss sorgt dafür, dass der Stoff nicht einfach nur gefällig wirkt, sondern auch bis zum Schluss immer wieder zu fesseln vermag. Wie Angus auch ohne Worte, mit einem einzigen Gesichtsausdruck, die Situation im Heim kommentieren kann, wie seine Augen glänzen, als er seinem Enkel von seinem großen Lebenstraum berichtet, überzeugt als wahrhaftig empfunden.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Shelagh McLeod überzeugt als charmanter, berührender Familienfilm, der sich mit der Gewohnheit, alte Menschen aufs Abstellgleis zu schieben, kritisch auseinandersetzt. Hauptdarsteller Richard Dreyfuss hebt die Geschichte, die nicht realitätsfern sein will und sich dennoch einen kindlich-naiven Blick erlaubt, auf das Niveau eines bezaubernden Filmerlebnisses. Als Rentner Angus, der an einem Weltraumflug teilnehmen will und vor geheimen Mängeln der Startbahn warnt, verbindet er mühelos Emotionalität und Nüchternheit, Schwäche und Widerstandsgeist.




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