oder

Kritik: Vater - Otac (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der serbische Regisseur Srdan Golubović widmet sich nach dem viel beachteten Drama "Klopka – Die Falle" wieder einer Geschichte über einen Vater in Nöten. Sie basiert auf einer wahren Begebenheit und schildert, wie ein schwer geprüfter Mann die Opferhaltung ablegt und mit ungewöhnlicher Kraft um seine Familie kämpft. Nikola wählt als Form des Widerstands gegen Behördenwillkür und Korruption einen 300 Kilometer langen Fußmarsch nach Belgrad. Dort will er beim Ministerium Beschwerde gegen das Jugendamt einlegen, das ihm die beiden Kinder weggenommen hat, weil er keine feste Arbeitsstelle vorweisen kann.

Dass es beim Jugendamt der Provinzstadt nicht mit rechten Dingen zugeht, zeichnet sich bald ab. Der selbstherrlich wie im Sozialismus agierende Chef und seine beiden Mitarbeiter behaupten, ein Haus, in dem Kinder leben, brauche unter anderem einen Kühlschrank. Dabei kann Nikola nicht einmal den Strom bezahlen. Müssen arme, arbeitslose Menschen, von denen es nicht wenige gibt, denn jetzt ihre Kinder weggeben? Als Nikola erfährt, dass der Jugendamtschef korrupt ist und ihm die Kinder auf Dauer entziehen will, marschiert er los. Der geduckte Mann, der meistens stumm, ungläubig und getroffen zuhört, nimmt dieses Unrecht nicht hin.

Auf seinem Fußmarsch, die Landstraßen entlang und über die Hügel, wird Nikola zur Berühmtheit, die Zeitung schreibt über ihn. Dem von Goran Bogdan sehr einfühlsam und berührend gespielten Mann steigt das nicht zu Kopf, er bleibt bescheiden. Seine Armut, seine Not finden eine Entsprechung in den Gegenden, die er durchwandert. Er schläft in verwaisten Gebäuden, aufgelassene Gewerbegebiete liegen auf seinem Weg, zeugen von wirtschaftlicher Flaute und dem Erbe des Krieges.

Unterwegs trifft Nikola Leute unterschiedlicher Mentalität: Viele sind hilfsbereit, andere wollen ihn bestehlen. Im Ministerium prallt Nikola zunächst gegen eine Bürokratie, die in ihrer Unnahbarkeit frösteln lässt. Ein bildungsferner, mittelloser Mensch wie Nikola hat in Serbien schlechte Karten. Und gerade aus dieser empörenden Rechtlosigkeit heraus erwächst dem Helden in diesem Film eine überhöhte Kraft, wird er zur Symbolfigur des moralischen Widerstands gegen eine Gesellschaft, in der so vieles im Argen liegt. Man fiebert mit diesem Mann mit und wird, gerade wenn die Talsohle durchschritten scheint, von der finalen Pointe kalt erwischt.

Fazit: Nur weil er keine Anstellung hat, will ein serbischer Vater nicht seine beiden Kinder hergeben müssen. Als er merkt, dass das Jugendamt korrupt ist und willkürlich handelt, begibt sich der Mann aus der Provinz auf einen Fußmarsch zum Ministerium in der Hauptstadt, um zu protestieren. Dem serbischen Regisseur Srdan Golubović ist ein spannendes und bewegendes Drama gelungen, in dem der Held symbolisch zahlreiche gesellschaftliche Missstände erlebt und erleidet, ohne sich aufzugeben. Mit dem von Goran Bogdan beeindruckend gespielten Hauptcharakter ruft der Film zur moralischen Erneuerung Serbiens auf.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.