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The Witch next door
The Witch next door
© Koch Media © 24 Bilder

Kritik: The Witch Next Door (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Was ist von einem Film zu erwarten, der im Original "The Wretched", also der oder die Elende(n) heißt, hierzulande unter dem Titel "The Witch Next Door" in die Kinos kommt und von dessen Filmplakat eine unbekleidete Kreatur grüßt, die sich an einen Hirschschädel klammert? Auf den ersten Blick sieht das zweite Werk der Pierce Brothers ("Deadhead", 2011) wie der nächste schnell produzierte Horrorstreifen aus – billige Schocks inklusive. Der Eindruck täuscht.

Im zeitgenössischen Horrorkino lassen sich grob skizziert drei Richtungen ausmachen: Remakes, Filmreihen und für sich allein stehende Filme mit neuen Inhalten. Ein neuer Stoff verspricht aber noch lange keine Innovation; und nur, weil es sich um das x-te Remake handelt, heißt das noch lange nicht, dass sich dahinter kein neuer Dreh oder keine revolutionäre Umsetzung verbergen kann. Wie in allen Lebenslagen macht auch im Horrorgenre der Ton die Musik.

Brett und Drew T. Pierce schlagen nostalgische Töne an und treffen fast jeden. Ihr Film ist eine Hommage an das Horrorkino der 1980er-Jahre und trotzdem jederzeit gegenwärtig. Anders als Filme und Serien wie "Es" (2017) oder "Stranger Things" spielt "The Witch next door" weder im Jahrzehnt der Schulterpolster und Vokuhilas noch suhlt er sich in Retro-Charme. Die Handlung erinnert an eine Mischung aus Alfred Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" (1954) und 80er-Kultklassikern wie "Die rabenschwarze Nacht" (1985), "The Lost Boys" (1987) oder "Meine teuflischen Nachbarn" (1989). Dabei geht es jedoch viel gruseliger und kaum komisch zu.

Die Brüder setzen auf glaubwürdige Urlaubsstimmung und gut gemachte Effekte, vor allem aber auf deren dosierten Einsatz. Sie haben begriffen, dass das beste Filmmonster in den Köpfen der Zusehenden entsteht. Dementsprechend ist die titelgebende Hexe lange Zeit nie vollständig zu sehen und wenn doch, dann ist unklar, ob das Publikum dem Gezeigten trauen kann. Ganz ähnlich verfährt das Regie- und Drehbuchduo mit jump scares. Diese werden weder durch einen Musikeinsatz zusätzlich verstärkt noch inflationär verwendet.

Dieser sorgsame Umgang zahlt sich aus. Das Schaudern entsteht durch Spannung, ungläubiges Staunen und Ungewissheiten. Ganz nebenbei erzählen Pierce und Pierce zwar keine überwältigende, aber eine bezaubernde Coming-of-Age-Geschichte. Das größte Manko ist dabei das Ensemble. Die dichte Atmosphäre, die gekonnte Inszenierung und ein Plot-Twist, der selbst versierte Horrorfilmfans auf dem falschen Fuß erwischen dürfte, machen die schauspielerischen Defizite aber allemal wett.

Fazit: Brett und Drew T. Pierce erfinden den Horrorfilm nicht neu. Ihr zweites abendfüllendes Werk setzt aber auf bewährte Mittel, die vielen zeitgenössischen Vertretern abgehen: dichte Atmosphäre, gute Effekte und Spannung. Wer von den üblichen Gemetzeln, die einen plumpen Schockmoment an den nächsten reihen, die Nase voll hat, ist hier genau richtig.




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