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Kritik: Zombi Child (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Jahrzehntelang in der Nische versteckt, sind die Untoten im Mainstream angekommen. Der Comic "The Walking Dead" (2003-2019), dessen TV-Adaption und ihre Auskopplungen sind Ausgangs- und Endpunkt des letzten großen Booms. Lange dürfte er nicht mehr andauern. Das zeigen an diesem Donnerstag gleich zwei Neustarts. Während Yeon Sang-ho in "Peninsula", dem dritten Teil seiner losen Reihe, den eingangs gesetzten sozialkritischen Ton beinahe völlig vermissen lässt, packt Bertrand Bonello das Thema ganz anders an. Dass der 1968 geborene Franzose keinen üblichen Zombiefilm gedreht hat, zeigt bereits das fehlende e im Filmtitel an.

Wenn Bonello an einen Zombi(e) denkt, hat er keine menschenfressenden Monster im Sinn, wie sie seit George A. Romeros "Die Nacht der lebenden Toten" (1968) die Kinoleinwände heimsuchen. Stattdessen kehrt Bonello zu den Ursprüngen des Mythos zurück, wie ihn Filme wie "Im Bann des weißen Zombies" (1932) und "Ich folgte einem Zombie" (1943) noch erzählten. Es geht um Voodoo, mit dem der Haitianer Clairvius Narcisse (Mackenson Bijou) nach seinem Scheintod zu einem willenlosen Arbeitssklaven gemacht wird. Diesen Clairvius Narcisse gab es wirklich. Dessen bis heute sagenumwobene Geschichte schaffte es bereits in Wes Cravens Fantasyhorror "Die Schlange im Regenbogen" (1988). Bonello lässt es mit diesem Abstecher nach Haiti und in die Filmgeschichte aber nicht bewenden.

Der Erzählstrang, in dem Narcisse 1962 zum Zombie wird und seinen Peinigern schließlich entkommen kann, ist nur einer von mehreren. Der Hauptstrang spielt fünf Jahrzehnte später an den Ausläufern der Weltmetropole Paris. Die darin vorgestellten Jugendlichen sind unheimlich privilegiert und doch nicht (vollkommen) frei. Die elitäre Ausbildung weit weg von Familie und Gleichaltrigen des anderen Geschlechts schränken Fanny (Louise Labeque) und ihre Freundinnen auch ein. Kaum eine Szene, in der sie nicht über ihre Smartphones in eine andere Welt jenseits der Schulmauern flüchten. Ein wenig sind sie Sklaven des eignen Wohlstands und der eigenen Sorglosigkeit.

Bertrand Bonello bleibt sich treu. Seine Stoffwahl ist vielfältig, seine Werke sind virtuos inszeniert und bis zu einem gewissen Grad unergründlich. Seine thematische Bandbreite reicht von einem in die Jahre gekommenen Pornoregisseur ("Der Pornograph", 2001) über einen in eine Sekte geratenen Filmregisseur ("De la guerre", 2008) bis zu einem Modeschöpfer auf dem Karrierehöhepunkt ("Saint Laurent", 2014). Zuletzt faszinierte und verstörte der Filmemacher mit "Nocturama" (2016), einem Thriller-Drama, das eine Anschlagsserie einer Gruppe Jugendlicher unkommentiert stehen lässt. Auch "Zombi Child" erzählt von jungen Menschen und bleibt ähnlich rätselhaft.

Bonellos nunmehr achter abendfüllender Spielfilm, für den er wie gewohnt selbst das Drehbuch schrieb und die Musik komponierte, ist ein geheimnisvoller Mix aus Coming-of-Age-Film und Zombiedrama, aus kolonialer Vergangenheit und postkolonialer Gegenwart und der Versuch, eine dem Filmemacher fremde Kultur aus seinem eignen, einem zeitgenössisch französischen Blickwinkel zu erzählen. Das Ergebnis ist faszinierend, weil es das Publikum mit seinen tranceartigen Bildern in den Bann zieht. Ein Film wie ein Traum von einem anderen Leben in einer anderen Welt.

Fazit: Bei Bertrand Bonello kann man sich nie sicher sein, was einen als Nächstes erwartet. Auch "Zombi Child" überrascht. Nach dem Thriller "Nocturama", der einem den Terror unangenehm nahebrachte, entführt der Filmemacher sein Publikum jetzt in einen tranceartigen Mix aus Coming-of-Age-Film und Zombiedrama. Faszinierend.




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