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FBW-Bewertung: Kajillionaire (2020)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Anders als für den Rest der Bevölkerung scheint die Erkenntnis, dass die Welt ein merkwürdiger Ort ist, für Filmschaffende keine sonderlich neue Beobachtung. Miranda July allerdings liegt in dieser Hinsicht mindestens eine Nasenlänge weit vorn.

In KAJILLIONAIRE machen die Zuschauer Bekanntschaft mit einer mehr als kauzigen Familie. Robert Dyne, seine Frau Theresa und ihre schon erwachsene Tochter mit dem zugegeben recht merkwürdigen Namen Old Dolio sind Profis des urbanen Überlebenskampfes: ein wenig Charme, der rechte Gutschein zum richtigen Anlass, eine kleine Gaunerei hier, ein kleiner Diebstahl dort: Irgendwie verstehen sie es jeden Tag aufs Neue, den Alltag in Los Angeles zu bestehen. Das ändert sich, als ihr Vermieter eines Tages tatsächlich darauf besteht, die seit drei Monaten überfällige Miete bezahlt zu bekommen.

So schräg und durchtrieben Robert und Theresa auch sind, Star in Miranda Julys Off-Beat Krimi-Drama-Komödie ist eindeutig die Figur der durchaus verhaltensauffälligen Tochter Old Dolio. Früh wurde ihr beigebracht, wie unpraktisch Emotionen sind, und so versteht sich, dass sie sich seit Kindestagen körperlich und strategisch im Dienst des Geldbeschaffens sieht. Welche Lebensqualität ihr entgangen ist, erfährt sie erst, als die junge Latina Melanie die Wege des kriminellen Trios kreuzt.

KAJILLIONAIRE zeigt sowohl die Geschichte eines Coups, der die Dynes aus ihrer finanziellen Misere befreien soll, als auch den Weg Old Dolios aus der physischen und psychischen Bevormundung durch ihre gerissenen Eltern. Was manchen Regisseur zu einem strapaziösen Problemfilm hinreißen lassen würde, inspiriert Miranda July zu einem rundum perfekt inszenierten Kriminaldrama mit absurd-komödiantischen Einfällen.

Die Jury ist sich einig: Der Film ist clever in Szene gesetzt, dramaturgisch eine Meisterleistung, hat Tempo und die nötige Wucht, um mit den skurrilen Charakteren mithalten zu können. In der Diskussion zeigte sich die Jury begeistert von den großartigen Darstellern, allen voran Richard Jenkins als Robert Dyne, Debra Winger als Theresa und Evan Rachel Wood als Old Dolio. Allen Beteiligten ist die Überzeugung für das ungewöhnliche Projekt ganz offensichtlich anzumerken. Allen ist anzusehen mit welcher Leidenschaft sie sich in den Film gekniet haben. Und das gilt auch für die andere Seite der Kamera. Mit tollen Motiven, treffender Farbgestaltung und herausragender Dramaturgie realisiert Miranda July großartigstes Kino.

In eine ganz neue Richtung steuert ihr Film, als sich Old Dolio mit Melanie zusammentut. In der fast schon kitschig wirkenden, offenherzigen Latina findet Old Dolio ihren seelischen Konterpart. Beide Frauen zusammen erweisen sich dann auch als so stark, dass sogar Old Dolios reichlich durchtriebene Eltern letzten Endes passen müssen, nicht aber, ohne ein letztes Mal zeigen zu können, aus welchem Holz sie wirklich geschnitzt sind.

Die bizarre Geschichte ist im Prinzip ein 4-Personen-Kammerstück, dennoch wirkt sie niemals langweilig oder aufgesetzt. Immer wieder findet der Plot zu so unerwarteten Wendungen, dass die Jury stets aufs Neue gespannt war, wie sich die Charaktere aus den sich anbahnenden Sackgassen befreien würden. Dessen ungeachtet weiß Miranda July den Spannungsbogen niemals zu überspannen. Auf ungewöhnliche Weiße kontrolliert sie das Spiel, nimmt ihm immer wieder einmal wenig Schärfe und kitzelt trotz allem und zu Hauf? absurde Momente aus der Story.

Kajillionaire ist ein grelles Feelgoodmovie mit nicht zuübersehender kritischer Ebene, ein cineastischer Schatz, den man, so glaubt die Jury, einfach gesehen haben muss.



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