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Das Arvo Pärt Gefühl
Das Arvo Pärt Gefühl
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Kritik: Das Arvo Pärt Gefühl (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Arvo Pärts Stirn liegt in Falten. Aufmerksam lauscht er der Probe des Amsterdamer Cello Oktetts, gibt hier und da eine Anweisung. Am Schluss aber ist er zufrieden und tut seine "große Freude" kund. Ganz am Ende dieses Dokumentarfilms wird er sagen, man müsse immer wieder "den Staub von alten Klängen nehmen" und dem eigenen Werk neues Leben geben. Der 1935 geborene Komponist interessiert sich dafür, wie sich junge Musiker seine Werke erschließen. Einfach sei es nicht, diese Kompositionen richtig zu spielen, ist auch von erfahrenen Instrumentalisten und Dirigenten immer wieder zu hören. Es komme darauf an, dass sich beim Zusammenspiel das "Arvo-Pärt-Gefühl" einstelle, meint ein Cellist.

Der niederländische Regisseur Paul Hegeman lässt in diesem Dokumentarfilm oft Pärts Musik sprechen. Was die verschiedenen Künstler über sie sagen, wie sie ihre Eigenart zu beschreiben versuchen, hört sich oft an, als gelte es ein Wunder zu ergründen. Oft scheinen die vielstimmigen Klänge der einzelnen Stücke ein eigenständiges Gebilde zu formen, einen Tempel der musikalischen Andacht. Von einer starken atmosphärischen Aura spricht Candida Thompson, die künstlerische Leiterin der Amsterdam Sinfonietta. Raoul Boesten, Dirigent des Kammerchors Kwintessens, findet Pärts Musik konfrontativ und tröstend zugleich. Der französisch-senegalesische Filmemacher Alain Gomis preist die emotionale Kraft seiner Musik, die jedem zugänglich sei. In seinem Spielfilm "Félicité" von 2017 interpretiert das Symphonie-Orchester von Kinshasa eine Komposition Pärts.

In den Stellungnahmen der Musiker ist auch von den unterschiedlichen Phasen im Schaffen Pärts die Rede. Aber stets bleiben die einzelnen Wortbeiträge kurz und kein angeschnittenes Thema, auch nicht die Einteilung in unterschiedliche Schaffensperioden, wird weiter vertieft. Über Pärt selbst erfährt man noch weniger – er sei in sich gekehrt und spreche über die Musik, heißt es, oder dass er humorvoll und bescheiden sei. Um die Künstlerbiografie geht es hier gar nicht, sondern um die Annäherung an eine Musik, die ihre Hörer und Hörerinnen oft mühelos in Bann schlagen kann. Mit am eindringlichsten wirken die Szenen, in denen sich ein junger Teilnehmer eines Workshops in die einzelnen Töne einer Melodie von Pärt vertieft, als brächte jeder von ihnen eine unsichtbare Welt zum Klingen.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Paul Hegeman versucht mit Hilfe namhafter Musiker, Dirigenten und weiterer Künstler zu ergründen, was die Werke des Komponisten Arvo Pärt so besonders macht. Über die Musikstücke aber wird nicht nur beredt gesprochen, sondern viele von ihnen werden auch ausschnittweise gespielt oder gesungen. So teilt sich die lebendige Strahlkraft dieser Kompositionen mit, die von Spiritualität erfüllt sind. Während der Künstler selbst, mit Ausnahme einiger von ihm geleiteter Proben, im Hintergrund bleibt, setzt sich der Film bewundernd mit seinem Werk auseinander, ohne es analytisch klassifizieren und beurteilen zu wollen.




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