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Kritik: Billie - Legende des Jazz (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Regisseur James Erskine ("The Battle of Sexes") zeigt die filmreife Biographie der großen Künstlerin in seiner abendfüllenden Doku "Billie". Den Schwerpunkt bilden unveröffentlichte Tonbandaufnahmen der Journalistin Linda Kuehl, die ab den späten 60er-Jahren mit der Arbeit an einer Biographie über Billie Holiday begann. Geplant war ein ausführliches, Werk-umspannendes Buch, für das Kuehl viele Freunde, Familienmitglieder und frühere Musiker-Kollegen Holidays interviewte, darunter Count Basie, Tony Bennet und Charles Mingus.

Nach Kuehls frühem und unerwartetem Tod einige Jahre später verschwanden die Tondokumente im Archiv – bis Regisseur Erskine Zugriff auf das Material erhielt und es für "Billie" überarbeiten ließ. Die sorgfältig restaurierten, in hochwertiger Qualität vorliegenden Tonaufnahmen sind einer der Hauptgründe dafür, wieso "Billie" so sehens- und lohnenswert geraten ist. Ausführliche Einblicke in Holidays Alltag geben etwa Roy Harte, Bobby Tucker sowie viele andere Jazz-Musiker, mit denen Holiday auftrat – und die die Sängerin beruflich wie privat erlebten. Weitere interessante Gesprächspartner sind der Plattenproduzent John Hammond, der Holiday 1933 entdeckte, und die Schauspielerin Sylvia Syms.

Sie alle zeichnen mit ihren freimütigen, ehrlichen Äußerungen das Bild einer perfektionistischen, komplexen Künstlerpersönlichkeit, die seit jeher mit sich und ihren inneren Dämonen rang. Und mit den großen Dramen ihres Lebens: den ständigen Drogeneskapaden, den Konflikten mit den Behörden und all den intensiv geführten, hemmungslosen Affären mit Männern und Frauen. Darüber hinaus enthält der Film zahlreiche, nachkolorierte Konzert-Aufnahmen und mitreißende Live-Impressionen. Zu hören und zu sehen gibt es Klassiker wie "Saddest Tale", "Now baby or never" oder "God bless the child".

Einen Bogen in die Gegenwärt schlägt "Billie" indem er Holidays eigentliche Lebensleistung unterstreicht: Sie durchbrach Geschlechter- und rassistische Grenzen. Als eine der ersten Sängerinnen trat sie mit weißen Musikern auf und setzte sich in einer von Männern dominierten Szene durch. Und das trotz jahrlanger, rassistisch motivierter Schikanen und Erniedrigungen.

Fazit: Die ungeschönte, nachdrückliche Künstler-Doku "Billie" widmet sich der bewegenden Geschichte einer Sängerin, die ein Dasein zwischen Exzessen, Erfolgen und seelischen Qualen führte.




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