oder

Kritik: Freistaat Mittelpunkt (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Haben Sie schon einmal etwas vom "Altonaer Bürgermeister im Exil " oder vom "Reichsbundesbischof" gehört? Kai Ehlers Dokumentarfilm handelt von der Person, die diese frei erfundenen Professionen in Personalunion auf sich vereinigte. Ernst Otto Karl Grassmé ernannte sich selbst dazu und vielleicht hielt er sich auch tatsächlich dafür. Denn seine Lebensgeschichte ist gleichermaßen von Fantasie und Verwirrung geprägt.

Es wäre ein Leichtes, Grassmé, der als Einsiedler in einem ehemaligen Torfmoor im Holsteinischen lebte, als Kauz und Spinner abzutun. Das täte ihm jedoch unrecht. Denn hinter seinem auf Außenstehende seltsam wirkenden Verhalten steht ein Schicksal, das für mehrere Menschenleben reicht. Grassmé verlor noch vor seinem 30. Lebensjahr seinen Vater und all seine Geschwister, er wurde von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert und nach dem Krieg entmündigt. Seither kämpfte er um Anerkennung der an ihm verübten Verbrechen und um Wiedergutmachung. Seine Korrespondenzen mit Behörden zeigen, wie klar, eloquent und gewitzt Grassmé formulieren konnte und dass die Verrücktheit eher aufseiten des Amtsschimmels und dessen perfider Paragrafenreiterei zu finden war. Doch Grassmé ließ sich nicht von seinem Weg abbringen.

Auch Kai Ehlers hat keinen einfachen Weg eingeschlagen. Für den Regisseur wäre es ein Leichtes gewesen, aus all dem gesammelten Archivmaterial und den Zeitzeugenberichten ein klassisches Dokumentarfilmporträt zu formen. Er hat sich anders entschieden. Sein vor 30 Jahren verstorbener Protagonist kommt mit seinen eigenen Worten, die er in Briefen an eine Brieffreundin und an Behörden formuliert hat, zu Wort. Aus dem Off vorgetragen gehen sie einen Dialog mit den Antwortschreiben, psychologischen Gutachten und anderen Briefen ein. Auch auf Interviews mit Menschen, die Grassmé gekannt haben, verzichtet Ehlers komplett. Bis auf wenige Fotos, die Grassmé geschossen hat, als er sich kurzzeitig als Fotograf versuchte, wird keinerlei Archivmaterial gezeigt. Stattdessen schreitet Ehlers Kamera das Land ab, auf dem Grassmé gewohnt hat, und zeigt die Bauern und Jäger des Umlands bei ihrer Arbeit.

"Freistaat Mittelpunkt" ist ein Dokumentarfilm, auf den sich das Publikum einlassen muss. Denn das aus dem Off Gesagte hat mit dem im Off Gezeigten auf den ersten Blick nichts zu tun. Ganz allmählich korrespondieren die zwei Ebenen aber miteinander. Und die Konzentration verschiebt sich auf das Gehörte. Ohne ihn zu sehen (denn Ehlers zeigt seinen Protagonisten erst ganz am Schluss), wird Ernst Otto Karl Grassmé vor dem inneren Auge des Publikums lebendig. Ganz nebenbei, aber keineswegs nebensächlich wirft Ehlers Film zudem die Fragen auf, wie in der Vergangenheit bis hin in unsere Gegenwart mit der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen umgegangen wurde und wie selbst- oder fremdbestimmt wir eigentlich leben. Wer glaubte, alles über dokumentarische Porträts zu wissen, muss sich Ehlers Film anschauen.

Fazit: Kai Ehlers hat einen außergewöhnlichen Film über einen außergewöhnlichen Menschen gedreht. Völlig anders als von klassischen Porträts gewohnt, zeichnet Ehlers in seinem Dokumentarfilm das Leben des Sonderlings Ernst Otto Karl Grassmé nach, der trotz aller Verbrechen, die an ihm verübt wurden, und aller Schikanen, die er ertragen musste, ein selbstbestimmtes Leben führte. Wer glaubte, alles über dokumentarische Porträts zu wissen, muss sich diesen Film anschauen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.