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Kritik: Sag du es mir (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Diese Krimi-Dramödie macht sich einen Spaß daraus, ihr Publikum in ein detektivisches Rätselraten zu verstricken. Sie rollt einen Fall in drei Kapiteln aus der Sicht verschiedener Personen auf und stellt dabei einiges, was vorher sicher schien, wieder infrage oder deutet es um. Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky demonstriert, wie vertrackt das Verhältnis von Fiktion und Wahrheit wird, wenn sich Menschen einen Reim auf etwas bilden. Auch aus freier Behauptung kann eine neue Wahrheit entstehen.

Klar ist nur, dass der Polizist René gerade in dem Moment die Brücke überquerte, als sich Silke dort über die Brüstung beugte. Dann gab er ihr offenbar einen Stoß, der sie ins Wasser fallen ließ und rannte davon. Nur, wenn das so war, welches Motiv sollte er gehabt haben? René zerbricht sich den Kopf über sich selbst, während sich Silke bald mehr um ihre Schwester Moni sorgt, die zu viel trinkt.

Die Hauptfiguren erhalten in den drei Kapiteln immer neue Facetten. Gemeinsam scheint ihnen ein individueller Kummer zu sein. Moni ist auf Mallorca nicht mehr glücklich gewesen, Silke wurde von ihrem Freund versetzt, René hat ein Beziehungsproblem, das ihm nicht ganz bewusst ist. Den Dialog der beiden Schwestern erschwert zudem eine jahrelange Entfremdung.

Die Anonymität des städtischen Lebens, besonders in dem Wohnblockviertel, in dem Silke und René leben, drängt sich als eine Ursache für die Verunsicherung auf, die die Charaktere in sich tragen. Die mit Berliner Zungenschlag sprechenden Personen verheddern sich regelmäßig in Dialogen, in denen sich das gegenseitige Unverständnis gerade bei Kleinigkeiten ins Absurde steigert. Diese Wortwechsel geben dem ganzen Film eine witzige Färbung.

Irgendwann lässt sich feststellen, dass die Handlung eine Weile der Lüge einer Hauptfigur gefolgt ist. Aber anders als in den Geschichten von Agatha Christie verweigert sich dieser detektivische Fall weiterhin einer porentief sauberen Auflösung. Ist Renés Unberechenbarkeit nun ein Problem oder nicht? Weitere Themen tauchen am Rande auf und bleiben für sich - der Kriminalfall mit dem vermissten Mädchen, Silkes Kollege und sein Selbstmord. Indem sich der Film dramaturgischen Gesetzen verweigert, stellt er auch Sehgewohnheiten infrage. Das ist unterhaltsam und originell, aber irgendwie nicht ganz auf den Punkt gebracht.

Fazit: Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky macht sich einen Spaß daraus, das Publikum mit einem detektivischen Rätsel auf falsche Fährten zu locken. Indem sich der Film eingeschliffenen Erzähl- und Sehgewohnheiten verweigert, deckt er den trügerischen Charakter menschlicher Wahrheitssuche auf. Eine Frau will den Täter finden, der ihre Schwester von einer Havelbrücke stieß, aber verschiedene Sichtweisen verändern die Geschichte. Die originellen Ideen, die zum Teil witzigen, sperrig-absurden Dialoge rund um das Thema menschlicher Vereinzelung erweisen sich als unterhaltsam, aber auch als ziemlich ungeordnet.




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