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Frühling in Paris
Frühling in Paris
© MFA Film / 2020 Avenue B Productions

Kritik: Frühling in Paris (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "Frühling in Paris" gibt die im Jahre 2000 geborene Suzanne Lindon ihr Leinwanddebüt – nicht nur als Schauspielerin in der Hauptrolle, sondern auch als Drehbuchautorin und Regisseurin. Überdies interpretiert sie den gefühlvollen Song, der während des Abspanns zu hören ist. Bereits im Alter von 15 begann sie, das Skript zu verfassen. Als Tochter des Schauspiel-(Ex-)Paares Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon sei sie – wie sie in einem Interview berichtet – in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es äußerst wichtig war, Filme zu schauen. Diese Cinephilie ist in ihrem Werk deutlich zu spüren. Und doch ist die Erzählweise von "Frühling in Paris" in vieler Hinsicht sehr überraschend.

Denn die Verliebtheit einer 16-Jährigen wird so leise, bedacht und zurückhaltend geschildert, wie es in Coming-of-Age-Geschichten nur selten geschieht. "Frühling in Paris" ist kein überbordendes Adoleszenzkino wie die ersten Arbeiten des ebenfalls verblüffend jungen Frankokanadiers Xavier Dolan – und auch kein wilder, roher Trip wie "Kids" (1995) oder "Dreizehn" (2003), sondern ein überaus reifer und leicht melancholisch erzählter Film, der ganz wunderbare Szenen bietet. Wenn sich die Protagonistin Suzanne unter Gleichaltrigen befindet, auf einer Party oder auf dem Schulhof, wirkt sie (gedanken-)verloren. "Leute meines Alters langweilen mich", sagt sie an einer Stelle. Die Momente am familiären Küchentisch oder die Zweiergespräche zwischen Tochter und Mutter beziehungsweise Tochter und Vater sind warmherzig und feinfühlig umgesetzt.

Gleiches gilt für die Liebe, die die Jugendliche für den beinahe zwei Dekaden älteren Schauspieler Raphaël entwickelt. Lindon fängt die Faszination zwischen den beiden unaufgeregt und zugleich spürbar idealisierend ein. Durch Musik und Tanz erkennen die beiden einander als verwandte Seelen. Ohnehin sind die choreografischen Elemente durchweg gelungen – wenn es etwa zu einem spontanen Glückstanz in den Straßen von Montmartre kommt oder wenn ein Opernstück zu gemeinsam ausgeführten Bewegungen führt. Lindon streut kleine Referenzen an den Regisseur Maurice Pialat (mit dem ihre Mutter 1983 das Drama "Auf das, was wir lieben" drehte) oder den Schriftsteller Boris Vian ein – und liefert im herrlichen Mix aus realistischem Milieu und träumerischen Passagen ein ganz eigenes, kostbares Kunststück.

Fazit: Ein ruhig erzählter, elegant und liebevoll gemachter Film über die erste Verliebtheit von einer vielversprechenden Debütantin. Bravo!




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