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Tonsüchtig
Tonsüchtig
© Rise and Shine Films GmbH

Kritik: Tonsüchtig (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Kein Musikorchester ist wie das andere. Ein Ensemble ist mehr als die Summe seiner Mitglieder, seine Eigenschaften bilden sich im Zusammenspiel heraus. Und dieses beschränkt sich nicht nur darauf, die Partitur der Musikstücke zu bewältigen, sondern meint auch, ein gemeinsames Musikverständnis, ja sogar eine förderliche zwischenmenschliche Atmosphäre aufzubauen. Ein gutes Orchester, heißt es einmal in diesem Dokumentarfilm von Iva Švarcová und Malte Ludin, kann auch funktionieren, wenn der Dirigent für Überraschungen sorgt. In solchen Momenten kommt es ganz besonders auf das Geschick des Ersten Konzertmeisters an, der seit 2019 erstmals in der Geschichte der Wiener Symphoniker eine Frau ist.

Der Wechsel auf dem Posten des Ersten Konzertmeisters bildet die dramaturgische Klammer in diesem Film, der spannende Einblicke in die Arbeit und das Selbstverständnis der Wiener Symphoniker bietet. Der Erste Konzertmeister Florian Zwiauer steht während des Drehs kurz vor der Rente, 30 Jahre lang hatte er diese Position inne, "zwischen einem Dirigenten und der eigenen Gruppe eingeklemmt", wie er humorvoll sagt. Das Orchester lädt neue Bewerber zum Probespiel. Im ersten Durchgang bleiben die Kandidaten unsichtbar, hinter einem Paravent. Aber die Symphoniker finden auf Anhieb keinen Nachfolger für Zwiauer. Es müssen neue Kandidaten geladen werden – und in mehreren Durchgängen setzt sich die Violinistin Sophie Heinrich durch. Schon allein dieser mehrstufige Prozess der Stellenbesetzung erweist sich als hoch interessant.

Aber der Film hat noch mehr zu bieten. Mit kurzen Statements verschiedener Orchestermitglieder, die zum Teil in ihrem Privat- und Freizeitbereich aufgenommen sind, kommen Themen wie das Verhältnis von Orchester und Dirigent, das Älterwerden im Beruf, der Umgang mit der Angst zur Sprache. Dabei überrascht die Offenheit einzelner Musiker und ihre Fähigkeit zur nüchternen Selbstbetrachtung. Ein guter Dirigent lasse den Musikern die Luft zum Atmen, sagt ein Cellist. Chefdirigent Philippe Jordan, der 2020 von Andrés Orozco-Estrada abgelöst wurde, erzählt, dass ein Dirigent ein besseres Verständnis für seine Musiker habe, wenn er selbst ein Instrument spiele. Die Proben, denen die Kamera beiwohnt und weitere Musikbeispiele – vor allem, wenn Zwiauer an einer kurzen Passage auf der Geige vorführt, was der Wiener Klang bedeutet -, verfestigen die inhaltliche Qualität des sehenswerten Films.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Iva Švarcová und Malte Ludin bietet spannende Einblicke in die Arbeit und das Selbstverständnis der Wiener Symphoniker. Er verfolgt die Wachablösung auf der zentralen Position des Ersten Konzertmeisters, der eine Vermittlerrolle zwischen Orchester und Dirigent einnimmt. In Einzelgesprächen geht es außerdem um so verschiedene Themen wie den Leistungsdruck, die Angst, zu versagen, das Verhältnis von Orchester und Dirigent. Die Offenheit der Musiker und die Ausschnitte aus dem Probenbetrieb geben dem Film eine besondere Qualität.




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