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Yes, God, Yes   Böse Mädchen beichten nicht
Yes, God, Yes Böse Mädchen beichten nicht
© Capelight Pictures

Kritik: Yes, God, Yes - Böse Mädchen beichten nicht (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Liste an Vorurteilen über die Geschlechter ist lang. Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. Männer können nicht zuhören, Frauen nicht einparken. Männer sind Schweine, Frauen Engel und so weiter und so fort. Was Father Murphy (Timothy Simons) im Sexualkundeunterricht an einer katholischen Highschool verkündet, schlägt dem Fass allerdings den Boden aus und ist zugleich höchst amüsant. Jungs seien wie Mikrowellen und Mädchen wie ein Herd, verkündet er seinen gelangweilten bis peinlich pikierten Zuhörenden. Will sagen: Während Männer in Sekunden auf Touren kommen, muss frau erst langsam vorheizen. Komisch, dass es seiner Schülerin Alice (Natalia Dyer) da ganz anders geht.

Dass die Sexualkunde an dieser Schule nicht mit anschaulichen Beispielen gelehrt wird, sondern den Geschlechtsverkehr zu technischen Metaphern abstrahiert, ist eine der vielen gelungenen Pointen einer Komödie, in der vermutlich mehr Wahrheit schlummert, als vielen säkularisierten Zusehenden lieb sein mag. Auch wenn es der Titel anders vermuten lässt, steckt hinter "Yes, God, Yes" keine anzügliche Teenie-Klamotte im Stile von "American Pie" (1999). Die Regisseurin und Drehbuchautorin Karen Maine setzt auf subtilen Witz. Vor allem aber nimmt sie die Sexualität ihrer Hauptfigur ernst.

"Yes, God, Yes" basiert auf Maines gleichnamigem Kurzfilm aus dem Jahr 2017. Schon der erste Kurzfilm aus Maines Feder erhielt eine Langversion, beide Male unter der Regie von Gillian Robespierre: "Obvious Child" (2009, 2014). In Eigenregie beweist Maine nun, dass sie nicht nur tolle Ideen hat und gleichermaßen feinsinnigen wie scharfzüngigen Humor besitzt, sondern diese auch gekonnt selbst in Szene setzen kann.

Im Gegensatz zu Komödien wie dem bereits erwähnten Erfolgsfilm "American Pie" erzählt Maine konsequent aus weiblicher Perspektive und macht sich nie über ihre Figuren und deren Unbeholfenheit lustig, sondern leidet und lacht mit ihnen. Vor allem aber verlacht sie die Heuchelei der selbsternannten Moralapostel. Und über die Technik der gerade zu Ende gegangenen 1990er – von lahmen Internetverbindungen bis zum manischen Vor- und Zurückspulen von Videokassetten – gibt es ebenfalls jede Menge zu lachen.

Maines Hauptdarstellerin Natalia Dyer kennt sich mit den Absonderlichkeiten vergangener Jahrzehnte aus. Die aus der in den 1980ern angesiedelten Gruselserie "Stranger Things" bekannte Schauspielerin liefert eine fabelhafte Performance ab. Ihre zurückhaltende Art passt zu Maines unaufdringlichem Humor. Eine Komödie der leisen (Zwischen-)Töne – himmlisch gespielt, höllisch komisch, verteufelt gut.

Fazit: Eigentlich sollte Karen Maines Langfilmdebüt Anfang November 2020 in die deutschen Kinos kommen. Corona-bedingt startet diese nur auf den ersten Blick unscheinbare Komödie nun Ende Januar 2021 digital. Mit einer großartig aufgelegten Natalia Dyer in der Hauptrolle erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin feinsinnig und urkomisch von den Irrungen und Wirrungen eines sexuellen Erwachens und von der Doppelmoral selbsternannter Moralapostel. Ein leise Komödie, die mit den Vorurteilen über die Geschlechter aufräumt und in der auch frau Spaß am Sex haben darf.




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