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Kritik: Maternal (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Eine wichtige Rolle in diesem ersten Spielfilm der Regisseurin Maura Delpero spielt ein altehrwürdiges Haus in Buenos Aires, in dem nur Frauen leben. Eine ganz besondere, schwer zu fassende Atmosphäre prägt dieses Refugium, das jugendliche Mütter und ihre Kinder beherbergt. Denn es wird von weiß gekleideten Ordensschwestern geführt, deren Lebenswelt aufgrund ihres Glaubens und ihres Alters eine ganz andere als die ihrer Schützlinge ist. Mit der Ankunft der jungen Novizin Paola gerät das starre Gefüge in Unordnung.

Die aus Bozen stammende Maura Delpero arbeitete selbst vier Jahre in einem christlichen Mutter-Kind-Heim in Buenos Aires. Viele der Rollen sind mit Laiendarstellerinnen besetzt, so auch jene von Fati und Lu. Die Jugendlichen pflegen eine herbe Sprache, sie bekommen sich oft in die Haare und haben wenig Bezug zu den Ordensschwestern, die sie als ungeliebte Aufseherinnen betrachten. Die stille Fati ist bereit, sich anzupassen, aber erst der Neuling Paola hält ihre Hand, hört ihr zu, verbringt Zeit mit ihr.

Eine tiefe Kluft trennt sonst die Bewohnerinnen von den Nonnen, nie sieht man lebendigen Austausch. Nina und die anderen Kinder gehen in den Kindergarten im Haus, wo sie lernen, dass Maria, Josef und das Jesuskind die christliche Modellfamilie bilden. Damit lernen sie automatisch auch, dass ihre vaterlosen Familien einen Makel aufweisen.

Statische Einstellungen spiegeln den trägen, fast ratlosen Lauf der Dinge im Heimalltag. Altmodische Marien- und Pieta-Statuetten zieren die Gänge, auf denen die Plastikfahrzeuge der Kinder im Weg stehen. Auch Schwester Paola ist in der Kultur des Schweigens, die fast nur durch Gottesdienste aufgelockert wird, gefangen. Ihr Mitgefühl bahnt sich andere Wege, und als Nina sie zur Ersatzmutter wählt, ist es um die Novizin geschehen.

Falls Paola mit ihrem bevorstehenden Eintritt in den Orden intensiv zu ringen beginnt, dann jedenfalls nicht vor der Kamera. Sie wirkt einfach wie eine Person, die es mehr zu den Müttern und Kindern, als zu den Nonnen hinzieht. Und die wahrscheinlich ihren eigenen Kinderwunsch entdeckt. Delpeno schafft eine sehr intime, heimelige Atmosphäre und lässt doch vieles in der Schwebe. Vor allem aber lässt sie die Nonnen mitsamt dem Wohnprojekt als merkwürdig und ideell überholt erscheinen. Paola erfährt in diesem Lager den unlösbaren Widerspruch zur modernen Welt, der aber im Film ein wenig schmalspurig behandelt wird.

Fazit: In diesem Drama der Regisseurin Maura Delpero prallen in einem Haus in Buenos Aires zwei Welten aufeinander. Zum einen sind da die Ordensschwestern, die es führen, zum anderen die jugendlichen Mütter und ihre Kinder, denen es als Wohnheim dient. Wie die Novizin Paola in den grundlegenden Widerspruch der beiden Lager hineingezogen wird, schildert der Film mit einfühlsamer Nähe zu einigen Figuren. Die eindrucksvolle Atmosphäre im Haus, die von schläfriger Stille und fehlendem Dialog geprägt ist, schafft eine spannende Ausgangslage für die Entwicklung der Hauptfigur.




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