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Kritik: Hoffnung (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Gerade als Maria Sødahl nach ihrem preisgekrönten Debütfilm "Limbo" durchstarten wollte, bremste eine schwere Erkrankung sie aus. Die Diagnose lautete auf Hirntumor im Endstadium. Heute lebt die 1965 geborene Regisseurin immer noch. Aus ihren Erfahrungen hat sie ihren nächsten Spielfilm gemacht. Er heißt "Hoffnung" und war Norwegens Hoffnung im Rennen um einen Oscar, hat es bei der 93. Verleihung der begehrten Filmpreise allerdings nicht in die Endauswahl geschafft. Nach mehreren Verzögerungen wegen der Coronapandemie kommt der Film nun endlich in die deutschen Kinos.

Sødahls Familien- und Beziehungsdrama ist nah an ihrem eigenen Leben. Wie sie selbst lebt auch ihr Alter Ego, die Theaterregisseurin Anja (Andrea Bræin Hovig), in einer Patchworkfamilie mit drei eigenen und drei Stiefkindern. Und wie bei Sødahl, die dieses Familienmodell gemeinsam mit ihrem Kollegen Hans Petter Moland ("Ein Mann von Welt", "Einer nach dem anderen") gewählt hat, wird auch Anjas beruflicher Erfolg von dem ihres Partners überstrahlt. Der heißt Tomas, ist ebenfalls Regisseur und wird vom international bekannten Stellan Skarsgård verkörpert.

Sødahl nutzt diese Ausgangslage, um Konflikte aufbrechen zu lassen, die lange unterdrückt wurden. Mit der Diagnose kommen sie alle ans Tageslicht. Lieben sich Anja und Tomas noch? Liebt Tomas seine Arbeit mehr, als er Anja liebt? Liebt Anja ihre eigenen Kinder mehr, als sie Tomas' Kinder liebt? Wie eifersüchtig ist Anja auf Tomas' Erfolg? Und was wird sie ihren Kindern und der Welt hinterlassen?

Die Regisseurin inszeniert all diese kleinen und großen Konflikte als atmosphärisch dichtes Beziehungs- und Familiendrama. Der enge zeitliche Rahmen hilft. Alles spielt sich in nur wenigen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr ab, was der Erzählung eine zusätzliche Dringlichkeit verleiht. Und der Mix aus Profis und Laien im Ensemble verleiht dem Film eine gewisse Authentizität.

Sødahl erzählt von einer Frau, die zwischen Hoffen und Bangen schwankt, die einerseits mit kühlem Kopf schon einmal die Zeit nach ihrem Ableben regeln will, die andererseits mit heißem Herz an ihrem Leben hängt und die durch die Medikamente nicht immer einen kühlen Kopf bewahren kann. "Hoffnung" ist ein hitziger Gefühlsstrudel in einem frostigen Oslo. Der Titel bezieht sich übrigens nicht nur auf die Hoffnung auf eine unmöglich erscheinende Heilung, sondern auch auf die Hoffnung, ob es für Anjas Beziehung und ihre Familie noch eine Zukunft gibt.

Fazit: Maria Sødahls zweiter abendfüllender Spielfilm, der ins Rennen um einen Oscar ging, ist ein dichtes und intensives Familien- und Beziehungsdrama, das nah an ihrer eigenen Lebensgeschichte ist. Die norwegische Regisseurin erzählt von einer schweren Erkrankung und der Hoffnung, die man daraus schöpfen kann. Ein heißer Gefühlsstrudel in einer eisigen Winterlandschaft.




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