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Kritik: Kids Run (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Schon in ihrem vielfach ausgezeichneten 30-Minüter "Sunny" (2013) ging es um einen jungen Vater, der mit seiner neuen Rolle klarzukommen versucht. In ihrem ersten abendfüllenden Kinofilm, der in Zusammenarbeit mit ZDF – Das kleine Fernsehspiel entstanden ist und im Februar 2020 bei der Berlinale die Sektion Perspektive Deutsches Kino eröffnet hat, spinnt die Regisseurin Barbara Ott diese Ausgangslage nun weiter. Ihr Protagonist ist abermals ein junger Vater, allerdings kein frischgebackener mehr. Der von Jannis Niewöhner intensiv und für seine Figur einnehmend gespielte Andi hat drei Kinder von zwei Frauen. Sein Alltag gleicht einem Boxkampf. Barbara Ott wirft ihr Publikum unvermittelt in den Ring.

Wo dieser Film spielt, bleibt lange Zeit offen, weil Ott die üblichen Postkartenansichten vermeidet. Diese austauschbare Anonymität ist gewollt, weil jede Stadt Typen wie Andi kennt. Wo sich die gesichtslosen Wohnblöcke und Industriegebiete letztlich befinden, spielt keine Rolle. Andi durchstreift sie ruhelos. Falko Lachmunds agile Kamera ist ihm dicht auf den Fersen. Und Andi und seine Kids sind immer zu spät: rennen zum Schulbus, hetzen zum nächsten Termin, sind außer Atem. Wer knapp an finanziellen Mitteln und an Luxusgütern wie einem eigenen Auto ist, für den wird selbst Zeit zum Luxus.

In ihrem ersten langen Kinofilm erzählt Barbara Ott die Geschichte eines jungen Mannes, der beim Versuch, alles richtig zu machen, jede Menge falsche Entscheidungen trifft. Andi ist keine sympathische Figur und doch sympathisiert das Publikum mit ihm, weil seine Fehler allzu menschlich sind. Dass Ott Andi in ihrem Drehbuch zu einem Boxer gemacht hat, der sich nicht nur im Leben durchboxen muss, sondern der tatsächlich in den Ring steigt, wirkt auf den ersten Blick recht plakativ. Wie die Regisseurin und Autorin diese Situation gegen Ende ihres Films allerdings auflöst, bürstet die von vergleichbaren Underdog-Storys gewohnten Happy Ends gegen den Strich.

"Mich bewegt der Gedanke, dass Kinder ihren Eltern und deren Lebensumständen emotional, wirtschaftlich und sozial machtlos ausgeliefert sind, andererseits aber genau diese Lebensumstände in den Hintergrund rücken, wenn es um die Liebe zu unseren Kindern geht", hat Barbara Ott in einem Regie-Statement über ihren Film gesagt. Dass größte Manko ihres Films bleibt die nicht vorhandene Perspektive der Kinder. Nikki (Eline Doenst) und Ronny (Giuseppe Bonvissuto) haben keinen Moment für sich allein. Was sie durchleben und erleiden, wird stets durch die Perspektive eines Erwachsenen erzählt. Weil Andis Perspektive aber so gut und seine Figur so stark ist, fällt das nicht weiter ins Gewicht.

Fazit: Barbara Otts erster abendfüllender Kinofilm handelt von einem ehemaligen Amateurboxer und dreifachen Vater, der sich auch im Alltag durchboxen muss. Jannis Niewöhner spielt ihn intensiv und für sich einnehmend. Dabei blickt die Regisseurin und Drehbuchautorin auf die Ränder unserer Gesellschaft, an denen selbst Zeit zu einem Luxusgut wird. "Kids Run" ist ein mitreißendes Drama, bei dem das Publikum auch mit unsympathischen Figuren sympathisiert.




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