oder
Neues aus der Welt
Neues aus der Welt
© Universal Pictures International

Kritik: Neues aus der Welt (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Name Paul Greengrass steht für politische Dramen und Thriller. Für "Bloody Sunday" (2002) über den nordirischen Blutsonntag 1972 gewann der britische Regisseur den Goldenen Bären. "Flug 93" (2006) nahm sich der Terroranschläge vom 11. September 2001 an, "Captain Phillips" (2013) der Entführung eines Frachtschiffs durch somalische Piraten und "22. Juli" (2018) des Terrorangriffs auf der norwegischen Insel Utøya. Am bekanntesten ist Greengrass jedoch für jene Filme, die mit der Realität nur wenig zu tun haben: den Thrillern um den von Matt Damon gespielten CIA-Agenten Jason Bourne. Mit "Neues aus der Welt" betritt Greengrass nun erstmals das Westerngenre. Politisch geht es auch hier zu. Und die abgebildete Realität hat viel mit unserer Gegenwart zu tun.

Eigentlich hätte Greengrass' neuer Film im Januar 2021 in die deutschen Kinos kommen sollen, doch diese sind bekanntlich immer noch geschlossen. Stattdessen ist "Neues aus der Welt" ab 10. Februar beim Streaminganbieter Netflix verfügbar. Während sich die Starttermine anderer Kino-Großereignisse wie etwa "James Bond 007: Keine Zeit zu sterben" immer weiter nach hinten verschieben, bekommt diesen Western nun zumindest ein Teil des Publikums zu sehen – und das noch rechtzeitig vor den alljährlichen Preisverleihungen. Immerhin wurde die deutsche Nebendarstellerin Helena Zengel, die bereits in "Systemsprenger" (2019) brillierte, für ihr Hollywooddebüt umgehend für einen Golden Globe Award nominiert. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass auch eine Oscarnominierung herausspringt. Denn Zengel spielt abermals herausragend und ergänzt sich perfekt mit ihrem Gegenüber Tom Hanks.

"Neues aus der Welt" überzeugt aber nicht nur durch seine Schauspielleistungen. Auch der Blick auf den Wilden Westen und dessen Inszenierung sind bemerkenswert. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen, 2016 veröffentlichten Roman von Paulette Jiles, die sich dafür wiederum vom Leben eines historisch verbürgten Nachrichtenlesers und von einem Buch über Kindesentführungen im Wilden Westen inspirieren ließ. Bereits die Figurenkonstellation ist faszinierend. Es ist schlicht erfrischend, hier einmal nicht den im Genre so weitverbreiteten Gesetzeshütern und Revolvermännern, sondern einem Nachrichtenmann zu folgen.

Jefferson Kyle Kidds Worte treffen präziser und härter als jede Kugel. Und trotzdem muss auch er irgendwann zum Schießeisen greifen. Greengrass inszeniert ihn als Mann, der die Demokratie mit Worten und sein eigenes und das Leben des ihm anvertrauten Mädchens mit der Waffe verteidigt. Dabei muss er sich gegen Männer zur Wehr setzen, die die Niederlage der Südstaaten im fünf Jahre zuvor beendeten Bürgerkrieg nicht akzeptieren wollen und sich stattdessen ihre eigene kleine, von Schwarzen, Mexikanern und Ureinwohnern gesäuberte Welt errichten. Die Bezüge zur Gegenwart beziehungsweise die Linien, die sich aus der Vergangenheit in die Gegenwart ziehen lassen, sind offensichtlich.

"Neues aus der Welt" ist nicht der erste Film des Genres, der seinen Fokus auf Menschen richtet, die in der überwältigenden Mehrheit der Western nur am Rande vorkommen. In der jüngeren Vergangenheit taten das etwa Tommy Lee Jones' "The Homesman" (2014), Kelly Reichardts "Meek's Cutoff" (2010) oder einzelne Episoden aus "The Ballad of Buster Scruggs" (2018) von den Coen-Brüdern. Greengrass' Film tut aber etwas anderes. Durch seine Figurenkonstellation erinnert er nicht nur an einen anderen berühmten Western, sondern bildet zu diesem auch eine Art Antithese: John Fords "The Searchers" (1956).

Fords Film, der ebenfalls auf einer Romanvorlage beruht, führt viele Western-Bestenlisten an, und auch bei der Wahl zum besten Film aller Zeiten belegt er regelmäßig die vorderen Plätze. Dabei sollte er dringend einer kritischen Neubetrachtung unterzogen werden, denn der Umgang mit dessen von John Wayne gespielter Hauptfigur Ethan Edwards ist problematisch. Edwards ist ein Rassist, doch das ist nicht das Problem. Auch der vielfach gezogene und treffende Vergleich mit Kapitän Ahab aus Herman Melvilles Roman "Moby-Dick" spricht eher für Fords Film. Ahab ist in seinem zunehmenden Wahnsinn jedoch keine Identifikationsfigur, geschweige denn ein Held, Waynes Ethan Edwards hingegen schon. Das Ende des Films macht zwar deutlich, dass für dieses Relikt von einem Mann in der neu anbrechenden Ära kein Platz mehr ist. Die gesellschaftliche und politische Gegenwart straft dieses Ende jedoch Lügen. Denn dieser Ethan Edwards steht eben auch immer dafür, dass ein Rassist, der die Niederlage der Südstaaten nicht akzeptiert und sich seine eigenen Gesetze schafft, zum Helden werden kann, weil er allem Rassismus zum Trotz im Kern uramerikanische Werte verkörpert – 1873 ebenso wie 1956 oder heute.

Tom Hanks' Jefferson Kyle Kidd ist das genaue Gegenteil davon. Obwohl auch Kidd aufseiten der Südstaaten gekämpft hat, hat er seine Uniform im Gegensatz zu Edwards längst abgelegt. Als Nachrichtenmann ist er nicht nur eine tragende Säule der Demokratie, er tritt auch als Moderator auf, der die Wogen aufbrandender Wut glättet und uneinsichtigen Südstaatlern die Stimme der Vernunft entgegensetzt. Im Gegensatz zu Waynes Figur taugt Hanks' Figur schon rein äußerlich nicht zum Helden. Und auch sein Charakter könnte von toxischer Männlichkeit kaum weiter entfernt sein.

Jefferson Kyle Kidd agiert rational, fürsorglich und verständnisvoll. Er ist weltläufig, polyglott und fremden Kulturen gegenüber aufgeschlossen. Die amerikanischen Ureinwohner stellen in seiner Welt keine Bedrohung dar, sondern sind nurmehr ein Schatten in der Ferne. Die Kultur der Weißen hat die der Ureinwohner bereits unweigerlich zurückgedrängt. Im entscheidenden Moment sind sie jedoch zur Stelle, um Hilfe zu leisten. Kidd steht damit für ein völlig anderes Männerbild und Demokratieverständnis als Ethan Edwards. Folgerichtig gehören ihm, der von Helena Zengel gespielten Johanna und den Nachrichtenmedien am Ende dieses Films die Zukunft.

Der Weg dorthin führt allerdings über ausgetretene Pfade. Dramaturgisch bietet das Drehbuch aus der Feder von Greengrass und Luke Davies wenig Neues. Um in die Zukunft blicken zu können, müssen sich Kidd und Johanna erst einmal ihrer Vergangenheit stellen. Das muss der alte Mann erst von dem jungen Mädchen lernen. Von James Newton Howards eingängiger Musik getragen, sieht diese Reise durch die Linse von Kameramann Dariusz Wolski atemberaubend, dabei aber stets harsch aus. Bei Greengrass ist der Wilde Westen eine harte Angelegenheit: staubig, dreckig, regennass und schlammig. Die Gesichter starren vor Schmutz, sind wettergegerbt, zerfurcht und verhärmt.

Und auch hier lohnt sich ein Blick auf "The Searchers". Während John Ford die hässliche Fratze eines Westernhelden hinter John Waynes markanten Gesichtszügen versteckt und die Abgründe des Wilden Westens in den strahlendsten Farben und berückend schönen, romantisierten Breitwandbildern auf die Leinwand zaubert, sieht bei Paul Greengrass alles eine Spur realistischer aus. Die Gesichter, die Farben, das Leben. Dahinter verbergen sich keine großspurig auftretenden Typen, sondern kleine Alltagshelden.

Fazit: Paul Greengrass, bislang für politisches Kino und die actionreiche "Bourne"-Reihe bekannt, hat erstmals einen Western gedreht. Darin geht es ebenfalls politisch und mitunter actionreich zu. Sein Film, der als Antithese zu John Fords "The Searchers" verstanden werden kann, zeigt den Wilden Westen auf eine ungeschönte Art. Das ist aus den verschiedensten Gründen sehenswert. Einer davon: Tom Hanks und Helena Zengel, die als ungleiches Duo brillieren.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.