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Kritik: Atomkraft Forever (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Carsten Rau ("Willkommen auf Deutsch") steckt voller positiver Überraschungen. Weder ist er eine langweilige, mit technischen Ausdrücken gespickte Abhandlung über die Kernenergie. Noch vertritt er einfach die seit den 1970er Jahren bekannten, radikalen Positionen der Atomkraftgegner*innen. Dabei besitzt er dennoch eine eigene Haltung, die sich im Verlauf immer stärker herauskristallisiert. Rau besucht das Kernkraftwerksgelände in Greifswald und den bayerischen AKW-Standort Gundremmingen, spricht mit Beschäftigten und Anwohnern. Er besucht eine Netzleitwarte, die die Sicherstellung des täglichen Strombedarfs in Deutschland berechnet und schaut sich in einem französischen Kernforschungszentrum um. In Gorleben spricht er mit Fachleuten, die geeignete Endlager für hochradioaktiven Müll finden sollen.

So zeigt sich im bunten Wechsel spannender Eindrücke und Informationen, dass Atomkraft trotz des Reaktorunfalls von Fukushima 2011 noch nicht überall ihren Ruf als effiziente und sogar umweltfreundliche Technologie verloren hat. Sie hat ihn aber um den Preis erworben, ein Müllproblem zu schaffen, das künftige Generationen in Atem halten wird. Indem der Film diese Tatsachen schildert, macht er seinem Publikum bewusst, dass das Atomzeitalter in Deutschland, allen Werksstilllegungen zum Trotz, noch lange nicht beendet ist.

Ganz verschiedene Aspekte des Themas erweisen sich als lohnenswert und hoch interessant. In Greifswald beispielsweise bekommt man vor Augen geführt, wie aufwändig die Prozesse des Abbaus und der Dekontaminierung sind, schaut in das Zwischenlager, wo der radioaktive Müll verwahrt wird. Auch die historischen, mit Archivfilmen unterlegten Exkurse aus der von Kernkraft-Euphorie begleiteten Bauphase in Greifswald und Gundremmingen erweisen sich als spannend.

In Frankreich besitzt die Kernkraft noch Zukunftswert, hier wird geforscht, wie Brennstäbe konstruiert werden können, die sich flexibler in ihrer Energieerzeugung steuern lassen. Fraglos aber zählt das Thema der Endlagersuche zu den Höhepunkten dieses sorgfältig gestalteten Films. Wenn eine Geologin sagt, ein für eine Million Jahre konzipiertes Endlager in Deutschland müsse etwa zehn Eiszeiten überstehen, beginnt man zu ahnen, wie ernst das Problem ist und noch sein wird, das sich die Menschheit mit der Nutzung der Kernkraft geschaffen hat.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Carsten Rau schildert informativ, ansprechend bebildert und hoch interessant den langwierigen Prozess des Abbaus stillgelegter Kernkraftwerke. Zugleich ruft er in Erinnerung, dass die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle noch in vollem Gange ist und in naher Zukunft neue soziale Sprengkraft birgt. Ein Blick nach Frankreich, wo Kernkraft noch längst nicht ausgedient hat, belegt, dass Rau auf eine Vielfalt thematischer Aspekte und Positionen Wert legt. Der sachlich präzise Blick fördert Aufregendes zutage, während der Film seine Aussage schlüssig aus den präsentierten Argumenten herausschält.




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