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Der Hochzeitsschneider von Athen
Der Hochzeitsschneider von Athen
© Neue Visionen

Kritik: Der Hochzeitsschneider von Athen (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Langfilmdebüt von Sonia Liza Kenterman, einer Regisseurin griechisch-deutscher Abstammung, ist eine bezaubernde Komödie der leisen Töne. Wie ihren schüchternen, in sich gekehrten Helden umweht den Film ein Hauch von Melancholie. Aber der 50-jährige Herrenschneider verbirgt hinter seinem Ernst und seiner Korrektheit alter Schule eine schalkhafte Ader. Mit einer naiven Zielstrebigkeit, wie sie ein Märchencharakter oder der Narr aus den Tarotkarten aufweisen könnte, tritt er eines Tages mit seinem Handwerk aus dem Geschäft, das nicht mehr läuft. Kommen die Kunden nicht zu ihm, dann geht er eben hinaus zu ihnen. Dieser Schritt aus einem traurigen Schattendasein ins Tageslicht, zu neuen Kontakten, neuen Bewährungsproben, lässt ihn aufblühen. So entsteht eine verhalten erzählte Coming-of-Age-Geschichte mit romantischem Einschlag. Mit ihrem Stil ahmt sie die entrückte Art ihres Hauptcharakters ebenso nach wie seinen Optimismus.

Der nicht gerade redselige Nikos erinnert als Figur ein wenig an Jacques Tatis Monsieur Hulot. Sein Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten, ändert sich aber so gut wie nie und könnte ausdrücken, dass der Mann bereit ist für die Dinge, die da kommen. Misserfolge werfen ihn nicht aus der Bahn, die teils sehr direkten Kommentare seiner Mitmenschen steckt er gut weg. Als er einmal auf dem Markt zwei Männern erklärt, warum ein Maßanzug so teuer ist – die Beschaffenheit der edlen Stoffe, die Feinheit der Garne -, begreift man, dass er eine klassische Kultur der Bekleidung vertritt. An ihrem Untergang ist die griechische Wirtschaftskrise schuld, aber auch das globale Phänomen der billigen Mode mit Ramschcharakter. Nikos aber ist ein Held, der seine Werte nicht gleich aufgibt, nur weil er der Kundschaft entgegenkommt.

Eigentümlich verträumt wirkt auch die Freundschaft, die Nikos und seine kleine Nachbarin Victoria (Dafni Michopoulou) verbindet, die ihm Botschaften auf Papierschiffchen schickt. Dass sich zwischen Nikos und ihrer Mutter Olga eine Romanze anbahnt, merkt man erst spät – und ihr Verlauf widersetzt sich Genrekonventionen. Die Filmmusik wirkt altmodisch, aber beschwingt. Auffällig sind Kameraaufnahmen, in denen Nikos aus seiner Umgebung fast schon wie eine Klappfigur hervorzutreten scheint. Dann spürt er vielleicht gerade, dass ihm sein gewohnter Alltag zu eng geworden ist. Dem skurrilen Charme dieser Geschichte kann man sich nur schwer entziehen.

Fazit: Ein skurriler Held, der auch in seinen besten Jahren noch ein Schattendasein führt, verleiht dieser Komödie einen verhaltenen, aber bezaubernden Charme. Wenn der einsame Herrenschneider alter Schule hinaus ins Leben von Athen tritt und luftige Damenmode anbietet, wird das Regiedebüt von Sonia Liza Kenterman zur Coming-of-Age-Geschichte mit romantischem Einschlag. Melancholie und Optimismus gehen hier eine eigenwillige, unschuldige Verbindung ein. Mit verträumter Unbekümmertheit entfaltet sich die Botschaft, dass sich das Schicksal auch noch spät in die Hand nehmen lässt.




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