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Kritik: Baghdad in My Shadow (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der 1955 in Bagdad geborene Samir Jamal Aldin, der als Regisseur nur unter dem Namen Samir firmiert, lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in der Schweiz. Seinen jüngsten Film, der auf seine preisgekrönte Doku "Iraqi Odyssey" (2014) folgt, spielt in London und Bagdad, ist eine Co-Produktion aus Deutschland, der Schweiz und Großbritannien und wurde mit Filmcrews aus Köln, Zürich, London und Bagdad gedreht. Für Samir ist es aber schlicht und einfach "ein staatenloser, humanistischer Film".

Der Arbeitstitel des Films, der nur an der Oberfläche ein Thriller, darunter aber ein großangelegtes, multiperspektivisches Drama ist, lautete "Café Abu Nawas" nach dem Ort, an dem die vier Haupt- und sechs Nebenfiguren im Film zusammenkommen. Das nach einem berühmten irakischen Poeten benannte Café ist ein Heimathafen, der Exil-Irakern aller Couleur als Anlaufstelle dient. Hier wird zwar gern gelästert und gefrotzelt, es wird aber auch niemand ausgeschlossen. Bis sich einer der Gäste so sehr radikalisiert, dass er sich mit seinen Taten selbst ins Abseits stellt.

Statt "Café Abu Nawas" heißt Samirs Film nun "Baghdad in My Shadow". Im Original ist der Titel doppeldeutig, weil das im irakisch-arabischen Dialekt gewählte Wort für Schatten auch Erinnerung bedeuten kann. Letzten Endes geht es genau darum: um die Schatten der Vergangenheit, die mit schmerzhaften Erinnerungen zu tun haben. Oder umgekehrt: um scherzhafte Erinnerungen, die sich wie ein Schatten über die Vergangenheit legen.

Erzählerisch setzen Samir und sein Co-Autor Furat al Jamil auf eine Rahmenhandlung, von der aus sich die einzelnen Stränge entfalten, bevor sie zusammengeführt werden und in die Katastrophe münden. Unter dem Deckmantel eines Whodunit erzählt Samir von lauter kleinen Einzelschicksalen, die viel mit der Diktatur unter Saddam Hussein zu tun haben, aber auch mit drei Tabus, die selbst nach Saddams Sturz weiterhin bestehen: Ungläubigkeit, die Befreiung der Frau und Homosexualität. Schwierige Themen, für die sich nicht auf Anhieb ein passendes Ensemble finden ließ. Das Casting dauerte zwei Jahre und spiegelte letztlich, "genau die Tabus und Unvereinbarkeiten wider, von denen wir im Film reden", sagt Samir in einem Interview zu seinem Film.

Der Cast, der es schließlich geworden ist, kann sich mehr als sehen lassen und macht seine Sache ordentlich. Der Regisseur hat sich dafür entschieden, seinen Film konsequent aus (exil-)irakischer Perspektive zu erzählen und tut gut daran. Denn die im Film aufgezeigten Tabus reichen in der irakischen Kultur weit tiefer als nur bis zur Religion. Wie jede Kultur ist auch die irakische komplex und facettenreich. Nur weil einer wie der Barbesitzer und kurdische Aktivist Zeki Kommunist ist, heißt das noch lange nicht, dass er auch Homosexuelle mit offen Armen empfängt. Und nur weil die Architektin Jamal eine emanzipierte Frau ist, heißt das noch lange nicht, dass sie ohne Weiteres einen Nicht-Iraker heiraten würde.

Samir hat diese komplexen Sachlagen und Figurenkonstellationen zu einem Film verwoben, der fließend und von einer traurigen Jazz-Trompete untermalt von einem Charakter zum anderen übergeht. Visuell erinnert das oft mehr an einen Fernsehfilm denn an großes Kino. Und so spannend die Einblicke in die für den eurozentrischen Blick fremd anmutende Kultur auch ist, letztlich leidet die Spannung arg unter der Komplexität. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Fazit: Der im Irak geborene Schweizer Regisseur Samir hat einen Film über eine Gruppe in London lebender Exil-Iraker gedreht, der nur an der Oberfläche ein Thriller ist. Darunter verbergen sich lauter kleine Dramen, die mit drei großen Tabuthemen zu tun haben. Toll gecastet, ordentlich gespielt und konsequent aus (exil-)irakischer Perspektive erzählt, schafft es "Baghdad in My Shadow" dem Kinopublikum eine komplexe Gemengelage unterschiedlichster Befindlichkeiten nahezubringen. Darunter leidet allerdings die Spannung.




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