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Lost in Face
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© Cine Global Filmverleih

Kritik: Lost in Face - Die Welt mit Carlottas Augen (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In seinem eindrücklichen Langfilmdebüt "Lost in Face" widmet sich der Neurowissenschaftler Valentin Riedl dem Leben einer Frau, die Prosopagnosie (auch Gesichtsblindheit genannt) hat. Bereits in seinem fünfminütigen Kurz-Animationsfilm "Carlotta's Face" stand Carlotta und deren Wahrnehmung der Welt im Zentrum. Die Vertrautheit, die Riedl zu seiner Protagonistin aufzubauen vermochte, ist stets spürbar: Dem Mediziner und Regisseur ist ein überaus einfühlsames, erhellendes Porträt gelungen.

Das Werk feierte im Januar 2020 auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis seine Premiere und erhielt dort nicht nur eine Auszeichnung für die von Antimo Sorgente komponierte Musik, sondern auch den Publikumspreis. Es folgten weitere erfolgreiche Festivalstationen, etwa in München und New York City. Die Begeisterung für den Film lässt sich leicht nachvollziehen. Zum einen begleiten Riedl und seine Kamerafrau Doro Götz die künstlerisch aktive Carlotta im Alltag, zum anderen wird uns deren Empfinden in originellen animierten Sequenzen vermittelt. Carlotta erweist sich dabei als äußerst dankbare Protagonistin: Sie erzählt von ihrer Kindheit, von ihren beruflichen Wegen, von ihrem Schaffen und von ihren Träumen. So erfahren wir, wie Carlotta in der Schule mit verständnislosem Lehrpersonal konfrontiert wurde, wie sie dahinterkam, adoptiert worden zu sein, wie sie eine Weltumseglung plante, um als eine Art Pippi Langstrumpf der Zivilisation zu entkommen, und wie sie das Science-Fiction-Kino für sich entdeckte. Jeden Tag filmt Carlotta etwa drei Stunden ihres Tages.

Riedl ist gelegentlich als Gesprächspartner im Bild; er ist mit Carlotta zu Hause, bei ihren Pferden, bei einer Ausstellung ihrer Werke und auf See. So lernen wir in "Lost in Face" eine höchst interessante Persönlichkeit kennen und erhalten einen intensiven Blick in deren persönlichen Kosmos.

Fazit: Ein sehr faszinierender Dokumentarfilm voller Empathie, mit klugen Ideen umgesetzt und getragen von einer einnehmenden Protagonistin.




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