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Kritik: Walchensee forever (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Bei (auto-)biografischen Debüts ist Vorsicht geboten. Wer nicht weiß, was er erzählen soll, erzählt allzu gern von sich selbst oder von der eigenen Familie. Und in der Regel ist das reichlich dröge, weil die Leben des filmemachenden Nachwuchses oder deren Familienchroniken keinen Stoff für einen Film hergeben. Bei Janna Ji Wonders ist das anders. An ihre Familiengeschichte kann das Kinopublikum mühelos andocken, spiegeln sich in ihr doch die Umbrüche eines ganzen Jahrhunderts.

Witzigerweise hegte auch Wonders Zweifel. In einem Gespräch während des dokKa-Festivals in Karlsruhe erinnerte sie sich daran, dass ihre Mutter und sie die Befürchtung hatten, aus dem aufgenommenen Material keine 90 Minuten zusammenzubekommen. Während des Schnitts hatten die Filmemacherin und ihre Editorin Anja Pohl dann aber große Mühe, all das Material zu komprimieren. Denn die Leben der im Film gezeigten Frauen sind voller erzählenswerter Geschichten. Am Ende sind es 110 ebenso abwechslungsreiche wie zutiefst bewegende Minuten geworden, weil die Protagonistinnen tief blicken lassen.

Wonders hat zudem das große Glück, dass ihr Großvater sich für Fotografie (und wohl auch für Film) interessierte und dieses Interesse an seine Tochter Anna, Wonders' Mutter, weitergab. Die Fotos aus dem Familienarchiv scheinen nicht nur unerschöpflich, sie sind von bestechender künstlerischer Qualität. Gepaart mit alten Filmaufnahmen aus einer Zeit, in der die wenigsten Familien eine Filmkamera, geschweige denn einen Fotoapparat besaßen, werden so mehrere Epochen – von den Zwischenkriegsjahren über die Nachkriegszeit und die Jahre der 68er-Bewegung bis heute – vor den Augen des Publikums wieder lebendig. Eine Familie in (bewegten) Bildern über den Zeitraum eines ganzen Jahrhunderts hinweg – das ist ein seltener Anblick, der allein schon den Kinobesuch lohnt.

Unbedingt ansehen sollte man sich diesen Film allerdings wegen der Frauen. Wonders hat ihren Film um ihre Mutter und Großmutter, die das biblische Alter von 105 Jahren erreichte, herum aufgebaut. Aber bereits ihre Urgroßmutter Apa wurde filmisch festgehalten. Und zu guter Letzt ist Wonders' eigene Tochter kurz nach ihrer Geburt zu sehen. Allesamt sind sie stark, selbstbestimmt und mitunter stur. Und jede für sich ist ihren eigenen Weg gegangen, der ohne die Wege der vorangegangenen Generation nicht möglich gewesen wäre. Während Wonders' Urgroßmutter stolz und herausgeputzt ihre Gäste bewirtete, stand ihre Großmutter pragmatisch mit der Kittelschürze in der Küche und ihre Mutter zog hinaus in die Welt und barfuß durch den "Summer of Love".

"Walchensee Forever" ist ein Film über präsente Mütter und abwesende Väter, über Emanzipation und Rebellion und über das ewige Ringen zwischen familiären Verpflichtungen und Selbstverwirklichung, zwischen einem angepassten bürgerlichen und einem freien Leben, das auf alles Bürgerliche pfeift. Ein Dokumentarfilm voller Selbstbespiegelungen, hinter all denen die Liebe zur Welt, zu den Mitmenschen und zur eigenen Familie immer durchscheint.

Fazit: Janna Ji Wonders hat einen Dokumentarfilm über die eigene Familie gedreht, in deren Geschichte sich die Veränderungen und Brüche des 20. Jahrhunderts spiegeln. "Walchensee Forever" ist ein Film über Heimat, Herkunft und starke Frauen, über Emanzipation und Rebellion und über das widersprüchliche Verlangen, ein selbstverwirklichtes, von allen Regeln und Zwängen befreites Leben zu führen und sich gleichzeitig familiär geborgen zu fühlen.




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